Der Kommentar: Von den gegenwärtig herrschenden (fairen) Kaufkraftparitätskursen, nämlich ca. 1.40 zum Euro und 1.50 zum Dollar, weichen die aktuellen Marktwechselkurse des Schweizer Frankens in geradezu obszöner Weise ab. Neu ist freilich nur das gigantische Ausmass dieser Überbewertung. Denn aufwertungsgetrieben ist der Schweizer Franken auch in normalen Zeiten – dies allein schon dank einer weltmeisterlichen Exportwirtschaft. Dabei werden die ertragsbilanzinduzierten Aufwertungseffekte – vorab in Krisenzeiten – zusätzlich noch verstärkt durch eine notorische Flucht von ausländischen Anlegern in den Frankenmarkt. Denn sie finden in der Schweiz, was bei ihnen zu Hause fehlt, ja sogar oft desaströs im Argen liegt: politische sowie makroökonomische Stabilität, Sicherheit, Diskretion und eine schon fast legendäre Schuldnerbonität.

In ernste Aufwertungsbredouillen geraten allerdings die Schweiz und ihre Exporteure dann, wenn globale Krisen ausbrechen. Besonders wenn ganze Wirtschaftsräume, wie zurzeit die Riesen USA und Euroland, in währungs- und realwirtschaftliche Schieflagen geraten, indem sie ihre Volks-, Finanz- und Staatswirtschaften faktisch dem Bankrott entgegentreiben lassen. Damit wird klar: Die Frankenkrise der Schweiz ist nicht hausgemacht. Fundamental verursacht wird sie durch die Schwäche zweier wirtschaftlicher Weltmächte. Die Krisentreiber liegen somit weitestgehend ausserhalb jeglicher Reichweite schweizerischer Wirtschafts- und Währungspolitik.

Oder anders herum: Solange die amerikanische Gesellschaft von ihrer Pumpmentalität nicht wegkommt, solange die dramatisch angestiegenen Staatsanteile und Schuldengebirge im Euroraum und in den USA (hier hat sich die staatliche Verschuldungsquote unter Obama, verglichen mit jener seines kriegführenden Vorgängers, dank unnützer keynesianischer Billionenprogramme verdreifacht) nicht rigoros zurückgefahren werden, solange politisch abhängig gewordene amerikanische und europäische Notenbanken weiterhin skrupellos Staatsschulden via Gelddrucker finanzieren und damit zu einer Fiskalisierung der Geld- und Währungspolitik Hand bieten, solange sodann in Europa wie in den USA eine – ökonomisch betrachtet – politische Zweitklassriege sich weiterhin weigert, schmerzhafte strukturelle Staatshaushalts- und Wirtschaftsreformen anzugehen und Gläubigerbanken durch Schuldenschnitte in die Verantwortung zu ziehen, solange in Europa eine naiv eurofixierte Führungsspitze weiterhin eine (weder gewollte noch finanzierbare) Transfergemeinschaft anvisiert und zwecks Stimmen- und Machterhalt primär auf finanzielle Schutzschirme für wirtschafts- und finanzpolitisch verwahrloste Staaten setzt, bleibt unsere Lage prekär. Solange in den USA, besonders aber in der Eurozone vom finanzpolitischen Schlendrian und von der staatlich organisierten Verantwortungslosigkeit nicht grundsätzlich abgekehrt wird, wird sich an der schweizerischen Wechselkursmisere fundamental nicht viel ändern.

Doch bleibt Hoffnung: Nämlich zum Ersten werden die schuldenfinanzierenden globalen Finanzmärkte die Politik via steigende Kapitalbedienungskosten zunehmend gnadenloser disziplinieren. Zum Zweiten werden die Schwellen- und Tigerländer als Grossgläubiger ihre Hauptschuldner USA und EU knallhart zur Ordnung rufen. Und zum Dritten werden sich die Gesellschaften in den EU-Zahlerländern dem Moral-Hazard-Schlendrian mehr und mehr in den Weg stellen.

Unsere Notenbank kann angesichts der Grössenverhältnisse nichts anderes als den durch Spekulation, Angst und Panik obendrein ausgelösten Aufwertungsabsurditäten die Spitze zu brechen. Da eine Anbindung an den Euro auf einen fairen Wert undenkbar ist, hat sie mit dem beschränkten liquiditätspolitischen Arsenal, das ihr noch zur Verfügung steht, signalisiert, dass sie jenseits einer oberen Skurrilitätsgrenze keine weitere Aufwertung mehr zulässt. Diese Interventionslimite kann sie im Falle einer Lagestabilisierung durchaus nach unten verschieben.

An unserer Wirtschaft und Regierung hingegen liegt es, alles zu tun, um die frankenabwertenden Geld- und Kapitalwegflüsse via Kapitalverkehrsbilanz massiv zu verstärken. Etwa durch eine Erhöhung der Ausleihungen in den nördlichen Euroraum und durch Beteiligungsinvestitionen in strategischen Auslandmärkten der Rohstoff- und Energieproduktion, Infrastrukturen, Versorgungseinrichtungen, Hafenanlagen. Die Chinesen machen es uns vor.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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