Die falsche Moral der Hacker

Die Nachricht: Hacker haben das Seitensprungportal Ashley Madison attackiert und die Daten von 32 Millionen Nutzern – inklusive Namen sowie sexuelle Vorlieben – ins Netz gestellt.

Der Kommentar: Das Portal Ashley Madison richtet sich an Ehebetrüger – an Verheiratete, die auf der Suche nach einer Affäre sind. Gleichzeitig betrügt das Portal offenbar aber auch seine Nutzer: Gemäss der Hackergruppe, die in die Server eingedrungen ist, sei ein Grossteil der weiblichen Profile gefälscht. Ausserdem löscht das Portal Nutzerdaten auch dann nicht, wenn jemand extra dafür bezahlt.

Mit dem Offenlegen der Daten wollen die Hacker dem Portal schaden. Gleichzeitig stellen sie aber die Nutzer bloss, die, wie sie schreiben, «ihre Lektion lernen sollen». Und das werden einige von ihnen wohl auch: Die «New York Times» rechnet damit, dass durch den Hack die Scheidungsrate kurzfristig um 80 Prozent ansteigen könnte.

Indem die Hacker Betrüger an den Internet-Pranger stellen, erheben sie sich zu moralischen Richtern. Ob das ihr wahres Motiv ist oder ob sie nur unter dem Deckmantel der Moral agieren und es ihnen um die «lulz», den Spass an der Sache, geht, ist letztlich einerlei. Das Vorgehen ist ohnehin nicht zu goutieren – auch von Menschen nicht, die Ehebruch kategorisch verurteilen. Denn es geht hier um nichts weniger als um einen Angriff auf unsere Privatsphäre.

Folgen wir der Konsequenz der Hacker, heisst das: Wir dürfen keine Geheimnisse mehr haben. Jedes einzelne könnte aus der Tiefe des Netzes an die Oberfläche gezerrt werden, wenn es der Moralvorstellung irgendeines selbst ernannten Richters widerspricht. Da wir alle Geheimnisse haben – oder sonst sterbenslangweilige Menschen sind –, geht dieser Hack nicht nur 32 Millionen Fremdgänger an. Sondern uns alle.

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