Der Kommentar: Was die Welt im Innersten zusammenhält? Die Schweiz hat eine eingeübte Antwort parat: Kleinstaaten-Föderalismus, die eigenen Ausprägungen der Demokratie, Konfessionen in Frieden, vier Sprachen und die schöne Natur. Dieses Land versteht sich nicht als kulturell bedingt, sondern als Nation des Willens. Das ist eine schöne, landesübliche, mühelose Botschaft.

Doch ohne Mühe keine Kraft. Der eidgenössische Kanon der Identitäten wirkt selbst an Nationalfeiertagen blutleer. Dem schönen Eigenbild fehlen Überzeugung und Glaube. Man mag darin kein Drama erkennen für ein Land, das nicht Idee ist, sondern seine eigene Entstehung und ein Wunder der lange geübten Praxis.

Nur hapert es ausgerechnet mit der Praxis, genauer: mit der Partizipation. Nie haben alle Bürgerinnen und Bürger überall mitgemacht. Aber im System Schweiz mutierte ein Armenhaus innerhalb von vier Generationen zur Wohlstandsmaschine. Dabei gehörten alle irgendwann-irgendwie dazu. Eine Milizmentalität, deretwegen man etwasmehr leistet als das eigennützliche Minimum –und dafür etwas weniger über den Staat klagt.Auch heute?

Der leise Zerfall der gesellschaftlichen Kohäsion lässt sich mit den jüngeren Entwicklungen in Volksschule und Armee belegen. Beide brachten fast alle nolens volens zusammen. In der Freundschaften begründenden Jugend die eine, an der Schwelle zum Erwachsenenleben die andere. Man lernte und erlebte in den ersten Jahren das Gleiche. Und alle Söhne trafen sich spätestens in der RS. Egal, ob Handwerker oder Akademiker, links oder rechts, pekuniär privilegiert oder eben nicht: Jeder Rucksack wog gleich schwer und die Übernachtung fand im Massenschlag statt.

Niemand rechts von der SP wollte die egalitäre Gesellschaft. Aber zum gutbürgerlichen Selbstverständnis gehörte, dass Sensibilitäten gebildet wurden und im besseren Falle lebenslängliche Empathie. Ein ungeschriebenes Programm verband Menschen, die sich nicht begegnen. Dass Schule und Armee dies nicht mehr wie ehedem leisten, geht weit über ihre Schwächen der letzten 20 Jahre hinaus. Die Zivilgesellschaft Schweiz verändert sich ohne Plan, Ziel und Vorwarnung. Ihr Schicksal scheint die Amerikanisierung zu sein, auf dass sich Arm und Reich immer mehr gleichen.

Die ökonomische Schere mag Upper Class und Lohnabhängige auseinanderdividieren. In ihrer Gesellschaftsferne, ihrem Abseitsstehen gleichen sich Reiche ab erster und Sozialstaatsabhängige ab zweiter Generation auf unvorteilhafte Weise. Beide gehören nicht mehr dazu, genauer: Beide nehmen nicht mehr teil. Die einen, weil sie nicht mehr wollen und dafür ihre eigenen Golf- und Jachtkreise bilden, weil ihr Nachwuchs nicht die Volks-, sondern die englischsprachige Schule besucht und weil sie lieber in N. Y. C. shoppen als dem Pöbel den Platz in der Migros streitig zu machen. Den andern ist das Unterprivilegierte zum Programm geworden, und zu Hause wird nicht der aufrecht stehende Bürger, sondern der formularabhängige Leistungsbezüger konditioniert.

Beide führen keine Vereine, sind politabstinent und Pfadi ist ihnen bestenfalls ein ferner Begriff. Um weiteres unerwünschtes Abseitsstehen zu verhindern, braucht es kein neues Recht, sondern die blosse Anwendung des bestehenden. «Bund, Kantone und Gemeinden berücksichtigen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben die Anliegen der Integration. (…) Sie tragen den besonderen Anliegen der Integration von Frauen, Jugendlichen und Kindern Rechnung.» Dieses hehre Programm findet sich nicht zufälligerweise im Ausländergesetz. In beiden Randgruppen finden sich überdurchschnittlich viele Ausländer. Bei den einen, weil man sie als Bauarbeiter rief, die Verfolgung sie vertrieb oder das Rentensystem sie anzog. Die andern suchen die hiesige Ruhe und andere stille Vorteile.

Die Schweiz ist ein Wunder der Verbindungen. Dessen Hauptmotor ist keines der unzähligen Projekte, die «Integration» im Namen tragen, sondern der Arbeitsmarkt. Das zeigen OECD-Studien der letzten Jahre. Und eidgenössisch ist die facettenreiche Partizipationswelt im Privaten.

Monaco ist keine Option. Geldtransfer als letzte gesellschaftliche Klammer auch nicht. Öffnen wir alle Klubs, Amtsstuben und unsere Herzen. Achmed for Schulpflege! Vasella for Spitexvorstand! Und plötzlich berühren sich die Extreme auf ganz neue Weise.

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