Irritierend ist auch eine Schlagzeile in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Grossbritannien kehrt Europa den Rücken.» Liegt London nicht mehr in Europa? Die Gleichsetzung der EU mit Europa ist Propaganda, der zumindest die Schweizer nicht verfallen sollten. Doch auch die SP und die Operation Libero tun es, wenn sie von einem «schlechten Tag für Europa» reden. Es war ein schlechter Tag für die EU. Aber für Europa könnte sich der 23. Juni als guter Tag erweisen.

Denn Europa steht für Vielfalt. Die EU aber steht zunehmend für Vereinheitlichung und Entmündigung. Heinrich August Winkler, der wichtigste deutsche Historiker unserer Zeit, schreibt, ein Grund für die EU-Krise sei die «pseudoreligiöse Überhöhung» des EU-Integrationsprojekts. Es tut dieser EU darum gut, wenn die Briten die Religionsführer in Brüssel, Berlin und Paris auf den Boden der europäischen Realität holen. Ohne Selbstreflexion wird es nicht gehen, mit der «diskursfreien Herrschaft» (Winkler) ist es vorbei.

Noch ist nicht absehbar, in welche Richtung sich die EU jetzt entwickelt. Wird sie ohne die widerborstigen Briten noch einheitlicher, wird sie unter der Führung Deutschlands und Frankreichs zum Bundesstaat? Oder geschieht das Gegenteil: Wird sie föderalistischer? Letzteres käme der Schweiz entgegen. Aber auch sonst ist der Austritt Grossbritanniens eine Chance für unser Land. Natürlich, die nächsten Monate werden mit Blick auf die Masseneinwanderungsinitiative schwieriger werden, denn die EU hat jetzt grössere Probleme. Doch diese Betrachtung ist kleingeistig. Viel wichtiger ist: Mittel- und langfristig eröffnen sich der Schweiz neue Optionen für Partnerschaften mit Europa.

Bisher gab es, vereinfacht gesagt, nur den EU-Beitritt (politisch unmöglich), den Bilateralismus (ideal, aber zunehmend schwierig) und die Isolation (wirtschaftlich verheerend). Nun, mit der Wirtschaftsmacht Grossbritannien ausserhalb der EU, kommt womöglich ein weiteres Kooperationsmodell aufs Tapet. So unterschiedliche Europa-Kenner wie die Sozialdemokratin Micheline Calmy-Rey und der Liberale Konrad Hummler plädieren für eine Aufwertung der Europäischen Freihandelszone (Efta); Hummler spricht gar von einem «EWR 2.0» ohne zwingende Personenfreizügigkeit. Diese Visionen sind erfrischend. Die Europadebatte ist hierzulande festgefahren, sie verläuft seit dem EWR-Nein 1992 entlang der alten Schützengräben. Der Brexit hat das Potenzial, die Fronten aufzubrechen.

Wem gehört Europa? Es gehört weder den EU-Gründerstaaten noch den Funktionären in Brüssel. Sondern seinen Bürgerinnen und Bürgern. Nur mit ihnen, nicht gegen sie lässt sich Europa bauen.

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