Der Kommentar: Wer Griechenland regiert, ist völlig unerheblich. Das Land ist pleite. Rettung gäbe es nur durch einen Austritt aus dem Euro. Denn wir leben in Zeiten, in denen die Schwerkraft in der Finanzwelt aufgehoben ist. Gläubiger verlieren, wenn sie Geld verleihen, Staaten können Insolvenzverschleppung betreiben, weil ihre Schuldpapiere von der Europäischen Notenbank garantiert werden. Matto, pardon, Mario Draghi regiert. Seine bisherigen Geldschwemmen haben nichts genützt, also probiert er es nochmals mit 60 Milliarden Euro pro Monat. Ist’s auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Nehmen wir als Beispiel Griechenland, mit knapp 2 Prozent Anteil am europäischen Bruttoinlandprodukt (BIP) eigentlich ein Floh auf der wirtschaftlichen Landkarte. Von 2007 bis 2012 pumpte sich die griechische Staatsschuld auf über 360 Milliarden Euro auf, mehr als 170 Prozent des BIP. Dann gab es einen «freiwilligen» Schuldenschnitt, bei dem sich private Gläubiger rund 100 Milliarden Euro ans Bein streichen mussten. Genutzt hat es nichts, schnell kletterte die Schuldenquote wieder über den Stand von vorher. Macht aber eigentlich nichts, denn diverse Hilfspakete später zahlt Griechenland auf seine Staatsschulden nur 2,4 Prozent Zinsen; weniger als der Durchschnitt für deutsche Schatzbriefe.

Also das mit Abstand am höchsten verschuldete Land Europas zahlt weniger Risikoprämie als der europäische Musterschüler Deutschland. Das ist der Wahnsinn, wo ist die Methode? Sie besteht darin, dass mit der ständigen Produktion von Neugeld das Problem zugeschüttet werden soll, womit weder das Problem Griechenlands noch die Probleme von Spanien, Italien oder Frankreich zu lösen sind. Sie werden nur durch die Ausgabe von ungedeckten Schuldscheinen auf die Zukunft verschleppt.

Die kontinuierliche Bereitstellung von neuem Gratisgeld löst keine Inflation aus. Das ist nur oberflächlich betrachtet eine gute Nachricht. Denn das bedeutet, dass selbst mit Gratisgeld kaum jemand dazu motiviert wird, es zu investieren, es in Produktivität in der Realwirtschaft zu verwandeln. Wäre das der Fall, hätten wir sofort eine bedeutende Inflation, da vielem Neugeld ein nachhinkendes Angebot an Produkten und Dienstleistungen gegenüberstünde. Wir haben also kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem bei Geld. Deshalb nützen neue Geldschwemmen schlichtweg nichts. So einfach es heutzutage auch ist, Neugeld herzustellen, so einfach es ist, durch den Entscheid der Herrin des Geldes, der jeweiligen Notenbank, Geld durch eine Nullzinspolitik gratis zu machen, so schwierig ist es, aus dieser Nummer wieder rauszukommen. Geld hat seine Funktion als Tauschäquivalent und Wertaufbewahrungsmittel verloren; inzwischen handelt es sich um ungedeckte Wechsel auf die Zukunft, die platzen werden. Denn sie könnten nur durch einen noch nie da gewesenen Konjunkturaufschwung über Jahre hinweg und mit Steigerungsraten des BIP von mindestens 5 Prozent jährlich mit Realwerten unterfüttert werden. Darauf zu bauen, ist reine Traumtänzerei.

Wieso wird aber das in Hülle und Fülle vorhandene Geld nicht investiert? Weil das Vertrauen fehlt. Wer will schon in Griechenland, aber auch in Spanien, Italien oder Frankreich investieren? Der Staat als grösster Player mit einem Anteil am BIP von über 50 Prozent ist unrettbar überschuldet, die Rahmenbedingungen, Bürokratie, unflexibler Arbeitsmarkt, sich ständig ändernde Spielregeln, mögliche neue, auch rückwirkende Steuern, das alles macht es unmöglich, den Return on Investment in den nächsten fünf Jahren auch nur einigermassen kalkulieren zu können. Zudem sind die Produktionskosten in diesen Ländern, solange sie im Eurokorsett stecken, international nicht wettbewerbsfähig.

Deshalb sind alle Auseinandersetzungen um einen möglichen neuen Schuldenschnitt für Griechenland reines Schattenboxen. Da die griechischen Staatsschulden, und nicht nur die, schlichtweg unbezahlbar sind, wird der so oder so kommen. Im schlimmsten Fall für Griechenland innerhalb des Euro. Im besten Fall in Form eines Staatsbankrotts. Es wäre für Griechenland nicht das erste Mal seit seiner Neugründung im Jahre 1830, übrigens aus einem Bankrott heraus. Währungsreform, Wiedereinführung der Drachme, Neustart. Bitter, aber die beste aller Lösungen. Aber ihre Eintrittswahrscheinlichkeit ist gering. Stattdessen wird weitergewurstelt werden.

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