Mal abgesehen davon, dass es heute, wenn nicht eine faustdicke Überraschung geschieht, eher ein Nein als ein Ja zur SVP-Initiative geben wird: Was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, war nicht Finsternis. Das waren vielmehr Sternstunden der Demokratie. Die Auseinandersetzung um die Durchsetzungsinitiative war intensiv, leidenschaftlich und verlief fast ohne Auswüchse (eine Ausnahme war zuletzt die Hakenkreuz-Kampagne, die BDP-Präsident Martin Landolt lostrat).

Allzu oft fliegen in Abstimmungskämpfen nur Schlagworte durch die Luft. Doch ausgerechnet bei diesem hochemotionalen Thema – unter welchen Voraussetzungen sollen Kriminelle ausgeschafft werden? – war das anders. Da wurde nicht nur über «die Ausländer» gestritten, sondern auch über Verhältnismässigkeit, Härtefälle, Gewaltenteilung und die Frage, ab wann jemand eigentlich als Ausländer gilt; SVP-Rechtsprofessor Hans-Ueli Vogt stellte sich in der «Schweiz am Sonntag» auf den Standpunkt, Secondos würden von der Initiative nicht erfasst. Podien mutierten zu juristischen Seminaren, an denen sich junge und ältere Bürger beteiligten.

In den Medien, von Online über Zeitungen bis zum Staats-TV, wurde kaum je eine Initiative so ausführlich und vielschichtig abgehandelt – auch weil sie Klicks und Quote brachte. Initianten wurden des Nichtkennens des eigenen Initiativtextes überführt (bezüglich Umgang mit Bagatelldelikten), Gegner der Heuchelei (viele FDP- und CVP-Politiker hatten im Parlament für einen Gesetzestext gestimmt, der praktisch identisch mit dem SVP-Initiativtext war).

Die Folge: Hört man sich um, ist der Wissensstand bei vielen Leuten erstaunlich gut – und Gemeinden rechnen aufgrund der brieflichen Stimmabgaben mit aussergewöhnlich hoher Stimmbeteiligung. Das wird dem Resultat eine höhere Legitimation verschaffen. Und es straft jene Kreise Lügen, die der Meinung sind, über die Durchsetzungsinitiative hätte das Volk gar nie abstimmen dürfen.

Das Auffälligste an diesem Abstimmungskampf war, wie die Gegenseite ohne die Mittel, über welche die SVP verfügt, eine eigentliche Bewegung gegen die Initiative entfachen konnte. Vom «Aufstand der Zivilgesellschaft» wurde gesprochen. Das ist zwar überhöht und trügerisch, denn auch Ja-Sager sind Teil der Zivilgesellschaft, aber es zeigt, dass sich die Gegner die Deutungshoheit erobern konnten. Etwas, das bisher die Spezialität der SVP war. Diesmal, so scheint es, schaffen es die SVP-Gegner besser, zu mobilisieren – es gab sogar Bürger, die durch diese Initiative im eigentlichen Sinn politisiert wurden und sich erstmals überhaupt öffentlich engagierten, etwa im «Dringenden Aufruf», den mehr als 52 000 Personen unterzeichneten.

Der heutige Tag wird denkwürdig: Entweder schaffen es die SVP-Gegner, die lange Siegesserie der Volkspartei zu beenden, und dies ausgerechnet beim Ausländerthema. Oder die SVP erringt einen historischen Sieg – allein gegen alle, wirklich alle anderen. Die Welt wird so oder so nicht untergehen.

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