Der Kommentar: Die Schule muss sich mit ihren Lehrplänen dem Wandel in der Gesellschaft anpassen. Deshalb sind die generellen Kritiken am Lehrplan 21 kaum zu rechtfertigen. Und angesichts der zunehmenden Mobilität ist in einem föderalistischen Staat eine angemessene Harmonisierung der Lehrpläne vertretbar. Deshalb sollte mit einer positiven Grundhaltung am Lehrplan 21 weitergearbeitet werden. Dabei müsste aber die Kritik ernsthafter bedacht werden, als es gewisse Mitglieder der Erziehungsdirektoren-Konferenz EDK tun.

Erstens ist das Grundproblem einer jeden Lehrplanreform in Erinnerung zu rufen. Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Lehrplanreformen allein nur zu geringen Änderungen im täglichen Unterricht führen. Wenn die Vorgaben gar zu umfassend, zu detailliert und zu kompliziert sind, setzen sie sich im Schulalltag nicht durch. Deshalb drängt sich schon allein aus dieser Sicht eine starke Kürzung und Vereinfachung auf.

Zweitens ist erwiesen, dass die Lehrpersonen weit mehr Einfluss auf die Veränderung der Schule haben als wissenschaftlich noch so durchdachte Lehrpläne. Deshalb darf ein neuer Lehrplan nicht eingeführt werden, bevor alle Lehrpersonen vorgängig mit einer theoretisch fundierten und praxisorientierten Lehrerfortbildung in die Neuerungen eingeführt sind und neue – nicht nur angepasste – Lehrmittel bereitgestellt sind. Daher ist es eine Illusion, zu glauben, man könnte den Lehrplan flächendeckend nächstes oder übernächstes Jahr in Kraft setzen.

Am Lehrplan 21 kritisch zu beurteilen ist das Verständnis der Kompetenzorientierung. Der Begriff ist zu einem Schlagwort geworden. Im Lehrplan 21 wird er zunächst vereinfachend mit fachlichen und überfachlichen Fähigkeiten umschrieben, die in den einzelnen Fachgebieten durch Präzisierungen ergänzt werden, welche als Aufträge definiert werden – letztlich aber nichts anderes als traditionelle Lernziele sind. Deshalb bleibt es den Lehrpersonen überlassen, wie sie Kompetenzen und Aufträge verknüpfen wollen.

Es ist zu befürchten, dass sich viele Lehrkräfte an den Aufträgen (Lernzielen) orientieren und damit weder die Kompetenzen fördern noch sich um den Aufbau von Wissensstrukturen bemühen, sondern weiterhin additiv Wissen vermitteln, das gemäss den Aufträgen eher zufällig und nicht systematisch aufgebaut ist. Deshalb ist im Lehrplan 21 viel deutlicher zu zeigen, wie diese Verknüpfung unterrichtlich gestaltet werden kann.

Kritisch zu beurteilen ist im Weitern, dass im Lehrplan 21 zu wenig deutlich gemacht wird, welches Bild vom Menschen und welche Werte dem Lehrplan zugrunde gelegt sind. Dieses Defizit zeigt sich besonders deutlich im Bereich Wirtschaft. Hier werden einige aktuelle Aufträge vorgegeben, welche ohne klaren Bezug zu einem Grundlagenwissen, das für Vernetzungen und Differenzierung nötig ist, und ohne klar erkennbare Werthaltung ausgewählt sind. Auf dieser Grundlage ist es aber nicht möglich, die Lernenden zu einem differenziert und eigenständigen Denken und Urteilen in Wirtschaftsfragen zu führen. Wie sollen die Lernenden beispielsweise beim Auftrag «die Bedeutung von Wertschöpfung und Handel erklären», wenn sie über kein strukturiertes Wissen verfügen? An diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig die Verknüpfung von Wissen und Fähigkeiten ist. In dieser Hinsicht besteht noch ein grosser Klärungsbedarf.

Schliesslich muss ein Lehrplan zeitlich machbare Freiräume für jede einzelne Schule vorsehen, damit sie auf Bedürfnisse und Eigenheiten der unmittelbaren Umgebung eingehen kann, und für die Lehrpersonen, damit sie sich entfalten können. Das ist im Lehrplan 21 zwar angedacht, aber bei der Fülle der Vorgaben nicht machbar. Deshalb drängen sich massive Kürzungen auf, die allein schon nötig sind, weil das Einüben von Kompetenzen sehr zeitaufwendig ist.

Soll der Lehrplan 21 zu Veränderungen führen, muss – wie diese wenigen Hinweise zu zeigen versuchen – noch viel geklärt und überarbeitet werden; und es ist unfair, wenn kompetente Stellen sagen, dass die Kritiker den ganzen Lehrplan nicht verstanden hätten.

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