Gewiss, Herzinfarkte und Burnouts erleiden Menschen in allen möglichen Berufen. Die Schweizer sind Chrampfer, und manche übernehmen sich. Doch dass in jüngster Zeit so viele Politiker erkrankten, ist Anlass genug, gewisse Vorurteile zu überdenken, die wir über «die in Bern oben» pflegen.

Tatsache ist, dass viele Milizpolitiker einen enormen Einsatz leisten. Sie gehen zumeist – und das ist richtigerweise die Idee unseres Systems – einem Beruf nach, Politiker sind sie im Nebenamt. Wir Journalisten erwarten von ihnen, dass sie rund um die Uhr erreichbar sind, Vereine und Ortsparteien, dass sie an jeder Hundsverlochete teilnehmen. Die Familie muss zurückstehen. Der Lohn ist geringer, als manche Bürger denken: 130 000 Franken im Jahr sind viel Geld, doch die Politiker haben auch viele Auslagen. Wer reich werden möchte, der wird nicht Milizpolitiker. Vor Jahrzehnten gabs wenigstens noch Prestige. Das ist längst weg.

Unsere Politiker haben ihren Weg selbst gewählt, Mitleid brauchen wir keines mit ihnen zu haben. Doch unser Land hat ein Interesse daran, dass wir gute Leute in Bern haben: Keine Berufspolitiker, sondern Persönlichkeiten, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Die Politik gewinnt weltweit, auch in der Schweiz, wieder an Bedeutung – man erhofft sich die Lösungen nicht mehr allein von der Wirtschaft und vom Markt. Die UBS-Rettung durch den Staat 2008 oder auch der Volksentscheid vom 9. Februar für eine staatliche Steuerung der Einwanderung zeigen das.

Das ist kein Plädoyer für höhere Politikergehälter und auch kein Aufruf, die Politiker zu schonen. Im Gegenteil: Ihre Arbeit ernst zu nehmen, heisst gerade, ihnen kritisch auf die Finger zu schauen. Aber eines dürfen wir durchaus: Den Chrampfern in Bern, die sich für unser Land einsetzen, einmal Danke sagen.

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