Was macht die SP falsch? Eine Studie, die Politologie-Professor Andreas Ladner im heutigen «Sonntag» vorstellt, liefert Denkanstösse. Wissenschafter haben die Standpunkte von mehr als 250 europäischen Parteien untersucht. Fazit: Die SP Schweiz politisiert in Europa ganz links aussen. Ihr Profil deckt sich mit jenem der Partei Die Linke in Deutschland, der Nachfolgeorganisation der einstigen SED in der DDR.

Dass die SP so links steht, lässt sich zu einem Teil mit dem schweizerischen Politsystem erklären, das keine eingemitteten Mehrheitsparteien kennt, sondern eine breite Parteienvielfalt. Dennoch bleibt fraglich, ob es für die SP zielführend ist, sich in einem der liberalsten Länder Europas derart links zu positionieren. Zumindest für Nach-68er riecht die SP-Ideologie der letzten Jahre ziemlich miefig.

Doch just in den letzten Tagen und Wochen strömte Frischluft in die Sozialdemokratie. Mit zwei Jahren Verspätung scheint die SP die Themenführerschaft zu übernehmen, wenns um Löhne, Jobs und Boni-Exzesse geht: Sie hat bei der Abzocker-Initiative Christoph Blocher und Thomas Minder das Heft entrissen. Sie hat den Bundesrat mit dem USA-Amtshilfeabkommen unter Druck gesetzt, sodass er nun eine Bonussteuer für Banken plant. Und sie hat an der Urne die Rentenkürzungen gebodigt.

Hatte man jahrelang den Eindruck, die SP stehe vor allem für höhere Steuern, Kuscheljustiz und lasche Ausländerpolitik, holt sie die Menschen plötzlich bei ihren real existierenden Sorgen ab, zumindest – und vorerst nur – in der Wirtschaftspolitik.

An den 1.-Mai-Feiern traten viele Redner mit neuem Selbstbewusstsein auf. Wenn die SP den Schwung der Stunde mitnimmt, wenn sie Politik macht, statt weltfremd über die Überwindung des Kapitalismus zu sinnieren, dann hat sie eine grosse Chance, wieder Wahlen zu gewinnen.