Der Kommentar: Noch hat kein Flüchtling der nordafrikanischen Revolutionen seinen Fuss auf helvetischen Boden gesetzt, da läuft in unserem zuweilen auch mental kleinen Land eine grosse Flüchtlingsdebatte. Wie bei Vogel- oder Schweinegrippen gehen hysterische Warnlampen an. In Schlagzeilen ist vom zu befürchtenden «Strandgut» zu lesen oder, dass Anstieg von Flüchtlingszahlen Anstieg von Kriminalität bedeute.

Wieder werden Bedrohungsgefühle bewirtschaftet. Eine geldstrotzende Partei macht in Grossinseraten Stimmung gegen «Scheinflüchtlinge aus Afrika» – und daraus ein wohlfeiles parteipolitisches Wahlgeschäft, indem sie den anderen Parteien vorwirft, im Gegensatz zu ihr offene Grenzen zu wollen. Dazu passt, dass einer ihrer Helden nach der für den zivilen Grenzschutz ungeeigneten Milizarmee ruft. Mobilmachung wie im letzten Weltkrieg?

In diesem Chor hat das bedenkenswerte Votum etwa eines Ständerats Dick Marty kaum Chancen, gehört zu werden. Es erreicht nicht das Niveau von Headlines und erhält selbst in seriösen Zeitungen im besten Fall das Volumen eines Nebensatzes: Statt einer Debatte über eine Phantomgefahr sollte man eine Debatte über reale Unterstützungsmöglichkeiten führen.

Inzwischen hat das Schweizerische Rote Kreuz erste Hilfsgüter in das Krisengebiet geschickt. Die Hilfe vor Ort ist das Beste, was man zurzeit machen kann und stark ausbaufähig. Beflissene Regierungserklärungen, man habe alle Aufnahmevorbereitungen für die «Welle» getroffen, beruhigen wenig und werfen die Megafone der Volksgeistpartei nicht aus dem Gefecht. Denn: Sofern man «denen da oben» nicht vorwerfen kann, die nötigen Vorbereitungen versäumt zu haben, kann man sie wenigstens kritisieren, mit ihrer Voraussicht sozusagen Einladungen an die «Welle» verschickt zu haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Schweiz einem grösseren Flüchtlingsstrom ausgesetzt sieht – wenn er denn kommen wird. Allerdings waren es nicht allemal die gleichen Flüchtlinge, die in der Schweiz Unterkunft suchten. Und es wäre eine Illusion zu meinen, dass das Prinzip «Asylland» stets in gleicher Weise beherzigt wird. Die Schweiz ist ohnehin nicht als Asylland gleichsam zur Welt gekommen, sondern nach und nach zu dem geworden, was sie von Fall zu Fall praktiziert hat.

Und dies darum, weil es in der Schweiz gesellschaftliche Brückenköpfe gab, die für ihre gleichartigen Genossen einstanden: Reformierte für Hugenotten, Katholiken für französische Revolutionsflüchtlinge, schweizerische Liberale für deutsche Liberale, dann das gleiche Muster im Falle der Sozialisten. Die Hilfe für jüdische Flüchtlinge war auch zur Hauptsache eine Angelegenheit der Schweizer Juden.

Wiederum später erfuhr die Hilfsbereitschaft eine Erweiterung auf das gesamte Land, als sozusagen die ganze Schweiz des freien Westens 1956 und 1968 spontan die Flüchtlinge aus Ungarn und der Tschechoslowakei aufzunehmen bereit war. Die Hilfsbereitschaft lebt offenbar von der speziellen Identifikation mit den Hilfsbedürftigen. Das funktionierte 1960/61 auch beim kleinen Bergvolk der Tibeter als den Opfern des grossen China so.

Die grosszügigen Pauschalaufnahmen von Ungarn und Tschechoslowaken – ohne Fragen, ob es darunter nicht auch apolitische Wirtschaftsflüchtlinge und Kriminelle gab, was sicher der Fall war – erklärte sich auch daraus, dass man in der Hochkonjunktur an diesen Arbeitskräften, unter denen es ebenfalls viele Wirtschaftsflüchtlinge hatte, sehr interessiert war und von deren Können profitierte, ohne selbst Ausbildungskosten gehabt zu haben. Ähnliches scheint nun im Falle der nordafrikanischen Welle nicht der Fall zu sein.

Zum einen vermutet man unter diesen Flüchtlingen – sicher zu Unrecht – keine der so begehrten «hochqualifizierten» Leistungsträger, und zum anderen fehlt ganz offensichtlich gegenüber Menschen des Südens die im Kalten Krieg gegebene Identifikation mit Menschen des Ostens. Hier müsste die Schweiz zusammen mit dem Rest Europas etwas genauer darüber nachdenken, inwiefern doch wesentlich engere Beziehungen zu Nordafrika bestanden und bestehen, als man im Allgemeinen annimmt – und darum auch hier Solidarität angebracht ist.


Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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