Der Kommentar: Vor der Pekinger Wohnung Liu Xias, der Frau des neuen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, versammelten sich wenige Gratulanten und einige Auslandkorrespondenten. Die Polizei verwehrte den Zugang. Keine Pressekonferenz. Gespenstische Wirklichkeit. Die Behörden reagierten rasch. Die Preisverleihung sei «obszön» und Liu Xiaobo sei ein «Krimineller». China verbitte sich jede «Einmischung in die inneren Angelegenheiten».

Die roten Kaiser sind ungehalten, wenn sie das Gefühl haben, dass China «westliche Werte aufgezwungen werden». Der Westen übersehe, so die Argumentation, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern ebenso die Gesellschaft reformiert worden sei. Das betreffe auch Menschenrechte. Die Armut etwa wurde zum grössten Teil besiegt. Die persönlichen Freiheiten sind tatsächlich dramatisch erweitert worden. Die Partei allerdings ist tabu, trotz verfassungsmässigen Garantien der Meinungsfreiheit. A

uf Chinesisch heisst das: «Den Kaiser nicht beleidigen.» Genau das aber hat Liu Xiaobo getan. Er war ein Prominenter beim Studentenprotest auf dem Tiananmen-Platz 1989 und gehörte führend zu den Unterzeichnern der Charta08, jenes Demokratie-Manifests, das der tschechoslowakischen Charta77 nachempfunden ist.

Hier wird der Unterschied zwischen China und dem damaligen Ostblock sichtbar. Bürgerrechtler sind im Reich der Mitte nur einer kleinen Elite bekannt. Das hat mit der traditionell geringschätzigen Einstellung chinesischer Intellektueller zum gemeinen Volk zu tun.

Der weltbekannte Künstler Ai Weiwei jubelte auf dem Internet: «Chinesen, dies ist der glücklichste Tag in den letzten 60 Jahren! Von heute an können wir in die Zukunft schauen!» Ob die Auszeichnung tatsächlich eine Ermutigung für Chinas Demokraten sein wird, ist höchst fraglich. Wie schon jede Dynastie seit zweitausend Jahren ersticken die roten Kaiser den kleinsten Widerstand im Keim.

Mehr Wohlstand und private Freiheiten sind die Legitimation der Partei. Genau das steht auch zuoberst auf der Wunschliste der Laobaixing (des Manns, der Frau auf der Strasse) – und eben nicht westlich verstandene Demokratie und Menschenrechte. Trotzdem: Die Verurteilung Liu Xiaobos wegen «Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt» zu elf Jahren Haft ist eine Tragödie für Liu. Und China.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren der Zeitung «Der Sonntag» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.