Vorfall zwei: CVP-Fraktionschef Urs Schwaller betonte im Vorfeld der Erneuerungswahlen stets, wie wichtig die «Stabilität» der Regierung sei. Kaum wiedergewählt, flüchtet Didier Burkhalter aus dem Innen- ins Aussenministerium. Gut möglich, dass das längerfristig betrachtet ein genialer Coup ist. Nur: CVP-Kreise wollten unter anderem SVP-Nationalrat Hansjörg Walter aus genau diesem Grund nicht im Bundesrat. «Walter bleibt nur vier Jahre, er braucht zwei Jahre, um sich einzuarbeiten, und bringt in den nächsten zwei Jahren keine einzige Reform durch», sagte ein CVP-Spitzenpolitiker. Und wie war das mit Burkhalter? Er war zwei Jahre Innenminister, ohne wirklich etwas erreicht zu haben. Das führt zu . . .

. . . Vorfall drei: Der Neuenburger befand es am Freitag nicht für notwendig, den Medien seine Gründe für den Wechsel zu erläutern. Obwohl ihm die Bundeskanzlei dazu geraten hatte.
Vorfall vier: Mit der Wahl von Ueli Maurer (SVP) werden die Institutionen verhöhnt. Nur 159 Parlamentarier stimmen für Maurer. 16 legen leer ein, 3 stimmen ungültig, 41 wählen Walter, 13 den Grünen Luc Recordon, 13 wollen «Diverse». 86 Parlamentarier votieren gegen Maurer. Mehr als die Stimmkraft von SP und Grünen. Obwohl die SP gemäss Präsident Christian Levrat und Fraktionschefin Ursula Wyss für keine «Spielereien» zu haben waren.

Vorfall fünf: Der neu gewählte SP-Bundesrat Alain Berset gibt nur sehr selektiv Interviews, entgegen den Gepflogenheiten. Ausgerechnet Berset, der sich als Kämpfer für Schweizer Traditionen in Szene setzt. Berset verhinderte nach seiner Nominierung auch das Streitgespräch mit Konkurrent Pierre-Yves Maillard, das «Der Sonntag» plante. Keine Zeit, liess er beide Male ausrichten.
Vorfall sechs: SVP-Bundesrat Ueli Maurer verliert die Contenance. Er wollte unbedingt, dass die SVP in der Regierung zwei Vertreter hat. Menschliche Emotionen sind aber offenbar nicht erlaubt: Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey (SP) zitiert Maurer und rügt ihn.

Den Herren und Damen Berset, Burkhalter, Calmy-Rey, Levrat, Schwaller, Widmer-Schlumpf und Wyss sei, mit Verlaub, eines gesagt: Die sechs Vorfälle hinterlassen einen sehr schalen Nachgeschmack. Sie sind Zeichen von Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit, Eitelkeit, Arroganz: der Arroganz der Sieger. Hochmut aber kommt vor dem Fall. Das wurde schon der SVP zum Verhängnis. Wenn auch mit Verzögerung. Im Buch «Die Unbeirrbare» sagt Widmer-Schlumpf kluge Sätze wie: «Heute versucht man zu wenig, konstruktiv einen Schritt auf den anderen zuzugehen.» Die Koalition der Sieger sollte sich das zu Herzen nehmen. Dringend. Zu viel steht für die Schweiz auf dem Spiel.