Der Kommentar: Dick Marty ist ein beeindruckender Mensch. Unbestechlich, hartnäckig, prinzipientreu. «Entscheidend ist doch, die Wahrheit zu finden», sagte er mir vor vier Jahren bei einem Mittagessen. Da war er mit der Suche nach geheimen CIA-Überflügen und Gefängnissen beschäftigt. Während des Essens schickte ihm eine seiner drei Töchter aus Afrika ein neckisches SMS in der Art: «Papa, was hast du bloss wieder angestellt?» Schon damals wurde ihm vorgeworfen, keine Beweise auf den Tisch gelegt zu haben. Doch die Zeit gab ihm recht. Der neue US-Präsident BarackObama ordnete die Schliessung aller so genannten «BlackSites» an.

Wird Thaçi nun vor ein internationales Gericht gestellt? Wohl kaum, denn Marty hat nur eine einzige Waffe: «Ich kann öffentlich anprangern und so Druck erzeugen. Mein Ziel ist es, ein Klima zu schaffen, das die Leute zum Reden bringt.» Doch Reden kann tödlich sein. Das zeigte der Fall von Thaçis Vorgänger als Regierungschef: Ramush Haradinaj wurde wegen Kriegsverbrechen vor dem Tribunal in Den Haag angeklagt, aber freigesprochen. Die Anklage stand plötzlich ohne Beweise da, weil noch vor der Hauptverhandlung 9 von 10 Zeugen umgebracht wurden.

So übernimmt Marty, der bis zu seinem 6. Lebensjahr fast blind war und eigentlich Psychiater werden wollte, den Part der namenlosen Zeugen. Er ist ihre Stimme. Das ist ein gefährliches Unterfangen. Marty ist nur ein Abgeordneter, dem die Möglichkeiten einer Untersuchungsbehörde fehlen. Trotzdem muss er Staatsanwalt spielen. Als ich ihn damals nach Beweisen fragte, reagierte er mit einer rhetorischen Gegenfrage: «Wie viele Leute – auch in der Schweiz – wurden wegen Mordes verurteilt, obwohl niemand den Mord gesteht oder weil die Tatwaffe verschwunden ist?»

Doch so einfach ist es nicht, und das weiss Marty. Der Einzelgänger, den die Suche nach der Wahrheit antreibt, läuft Gefahr, dass seine monströsen Vorwürfe ohne Wirkung bleiben. Er schiesst mit Platzpatronen, solange die internationale Gemeinschaft nicht bereit ist, Mittel und Möglichkeiten radikal anzupassen. Sonst bezahlen auch die nächsten Zeugen den Preis für die Wahrheit mit ihrem Leben.

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