Der Kommentar: Just diese Woche lud das deutsche Aussenministerium ausländische Journalisten zu einer Reise unter dem Motto ein: «Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland». Als einziger Schweizer in der Journalistengruppe bekam ich den einen oder anderen Spruch zu hören.

Für Ferien in der Schweiz nähmen Deutsche vielleicht gleich noch den schwarzen Koffer mit, merkte etwa Guntram Schneider schnippisch an, der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes von Nordrhein-Westfalen. Und Düsseldorfs Finanzchef Helmut Rattenhuber gab sich zwar ausnehmend freundlich, erzählte vom Bild des Sempacherkriegs im Rathaus. Auf die Frage, wie nachhaltig der Steuerkonflikt das Verhältnis zwischen Nordrhein-Westfalen und der Schweiz trübe, hielt er aber unmissverständlich fest: «Da hat wohl eher die Schweiz ein Problem. Bei uns ist die Mehrheit klar für den Kauf der Daten.»

Trotz neuem Doppelbesteuerungsabkommen ist der Steuerkonflikt noch lange nicht vom Tisch. Vor allem in Nordrhein-Westfalen nicht. Das bevölkerungsreichste Bundesland ist die siebzehntgrösste Wirtschaftsmacht der Welt. Und sie ist marode. Die Finanzlage ist so prekär, dass Städte Schulen schliessen und in Bädern aus Kostengründen die Temperatur herunterfahren. Universitäten verlottern, Menschen wandern ab, Hunderte von Häusern stehen leer, 80 Prozent der Städte sind finanzpolitisch faktisch entmündigt. Nordrhein-Westfalen kämpft um jeden Euro. Auch und gerade um den Euro, der unversteuert in die Schweiz geflossen ist.

In Nordrhein-Westfalen herrschen Zustände, wie sie die Schweiz nicht kennt. Unser Land ist – ganz im Gegensatz zu Deutschland – praktisch ohne Neuverschuldung durch die Finanzkrise gekommen. Doch die Sache ist nicht ausgestanden. Am globalen Horizont zeichnen sich im Nachgang zur Finanzkrise harte Verteilkämpfe und schwierige Zeiten ab. Die Schweiz tut gut daran, ihre vielen aussenpolitischen Konfliktherde (USA, Libyen, Italien, Deutschland) schnellstmöglich einzudämmen und die innenpolitische Blockade – SP und SVP legen Land und Regierung zunehmend lahm – zu überwinden. Sonst werden wir von den Krisengewinnern von heute zu den Verlierern von morgen.