Warum goutiert ganz offensichtlich auch nach dem Auftauchen des belastenden E-Mails von Hildebrand eine grosse Mehrheit der Schweizer nicht, dass der SNB-Chef gestürzt worden ist? Liegt es daran, dass er für die meisten Medien ein «Heiliger» ist, wie unser Kolumnist Matthias Ackeret schreibt? Oder daran, dass Hildebrand «die Hälfte seiner Arbeitszeit braucht, um einzustudieren, wie er einen guten Eindruck machen kann», wie Blocher auf seinem Internetsender höhnt?

So einfach ist es nicht. Die deutlichen Reaktionen aus dem Volk sind für das bürgerlichste Land Europas eigentlich folgerichtig. Christoph Blocher und die SVP-Geheimnisverräter haben gehandelt wie Linke vom Schlage eines Jean Ziegler. Sie haben einen Bruch des Bankgeheimnisses (was gibt es Schweizerischeres, Bürgerlicheres?) zumindest ausgenutzt. Das goutieren die Leute ebenso wenig, wie wenn Juso-Rabauke Cédric Wermuth ein Hotel besetzt. Selbst wenn das Motiv dahinter vielleicht sogar nachvollziehbar erscheint. SVP-Bankenprofessor Hans Geiger sagte: «Diese Affäre wird der SVP schaden.» Der Zweck heiligt hierzulande eben nicht jedes Mittel.

Hinzu kommt das Phänomen Hildebrand. Kaum jemand verteidigt seine Dollar-Geschäfte. Doch offenbar ist man bereit, im Fall von Hildebrand Nachsicht zu üben. Vielleicht denken die Leute so wie der mutmassliche Datendieb Reto T., der einen Tag vor Hildebrands Rücktritt in einem Mail geschrieben hat: «Gegebenenfalls spekulierte er, und das verträgt sich schlecht mit seiner Rolle als SNB-Präsident. Wenn er aber auch seine Schlüsse daraus zieht, fände ich es gut, wenn er im Amt bleibt. Verdammt, wir sind alles Menschen! Ein geläuterter Präsident ist evtl. das Beste, was wir haben können, fachlich ist er ja kompetent.»

Warum nimmt selbst Reto T., der mit SVP-Exponenten kooperierte, Hildebrand in Schutz? Vielleicht versteckt sich hinter dieser Haltung eine Sehnsucht, die man in der Schweiz zuletzt vermutet hätte: die Sehnsucht nach Brillanz. Hildebrand war ein brillanter Nationalbankchef. Seine Rücktrittsrede war brillant, inhaltlich und rhetorisch. Sein Englisch und sein Französisch waren brillant. Der Mann sieht gut aus. Irgendwie wollen wir doch, dass Typen wie er uns in der grossen Welt repräsentieren. Auf gleicher Augenhöhe mit Staatspräsidenten. Auf Du und Du mit dem US-Notenbankchef.

Den Schweizern sind solche Männer vielleicht doch lieber als stümpernde Bundesräte, die im Ausland radebrechend Verhandlungen führen und in Fettnäpfchen treten.

Die Krokodilstränen für Philipp Hildebrand zeigen: Es ist eine Mär, dass die Schweizer nur Mittelmass ertragen und ihnen alles Herausragende suspekt ist. Weil wir in einem brillanten Land leben, wollen wir, dass es von brillanten Menschen geführt wird.