Nach einer Woche in der liberalen Hochburg San Francisco beginnt die lange Reise durch die Vereinigten Staaten. An Bord des „California Zephyr“-Zugs der nationalen Bahngesellschaft Amtrak geht die Fahrt um 9 Uhr morgens los Richtung Nordosten. Vorbei an riesigen grünen Tälern, einem Meer von Tannen, Flüssen, kargen Steinlandschaften. Man kann sich gut vorstellen, wie hier früher der Gold Rush herrschte. Nahe der Grenze zu Nevada wird den Passagieren per Lautsprecher erzählt, wie noch immer Schätze in den Schluchten und Höhlen versteckt liegen. Zumindest den Legenden nach. Futter für Touristen. Aber trotzdem stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn plötzlich John Wayne und seine Bande unseren Zug überfallen würden. Das wäre ein Abenteuer! 

Die Fahrt wird aber auch ohne Cowboys und Indianer nie langweilig. Dafür ist die Landschaft zu eindrücklich, wenn man aus dem Fenster blickt. Unbefleckte Natur pur. Nur ab und zu taucht wieder mal ein kleines Suburbia auf, mit typisch amerikanischen Vorstadt-Häuschen. Vorgarten, Garage, Pickup Truck. Vorgarten, Garage, Pickup Truck. Reihe für Reihe. Und dann kommt wieder Wald oder Wüste.

Lunchtime
Mittag gegessen wird im Restaurantwagen, wo man zwangsläufig mit anderen Passagieren ins Gespräch kommt. Einen Tisch für sich alleine bekommt niemand. Ich sitze neben Lynn, der wie die geschätzten 80 Prozent der anderen Zugpassagiere, über 60 ist. Lynn stammt ursprünglich aus Illinois, kam dann aber fürs Militär nach Kalifornien und verbrachte seither sein Leben im Golden State. „Ich flog früher für die Air Force, vor allem Aufklärungsflüge in Japan, von den Philippinen aus.“ In Europa sei er aber nie gewesen. „Dafür fehlte mir das Geld.“ Lynn fährt ans Ende der California-Zephyr-Route, bis nach Chicago. Und von dort nimmt er den Zug weiter Richtung Süden, nach Springfield, um seinen Sohn zu besuchen. „Er ist Automechaniker bei Ford“, sagt Lynn stolz. Und wieso Zug statt Flugzeug? „Ich bin pensioniert, habe Zeit. Und ich habe die mühsamen Sicherheitskontrollen am Flughafen satt.“

Lynn bestellt einen Hamburger mit Chips. Ich bekomme von Pat einen Hackbraten mit Kartoffelstock serviert. „Here you go precious.“ Pat ist etwa vierzig Jahre alt, Afroamerikanerin, und voller Elan. Auch am nächsten Tisch heisst es „here you go precious.“ Worauf ein älterer Herr mit einem Schmunzeln fragt, woher sie wisse, dass er precious heisse. „Ich nenne alle Passagiere precious“, entgegnet Pat. „Und weißt du was, in 16 Jahren habe ich so noch keinen Passagier mit dem falschen Namen angesprochen.“ Manchmal nennt sie die grau- und weisshaarigen Passagiere auch liebevoll „young lady“ oder „young man“, was jedes Mal ein Lächeln aufs Gesicht der Gäste zaubert.

Warnung an alle Gambler
Um 16 Uhr halten wir in Reno, the biggest little city in the world, wie sie sich selber nennt. Reno ist ein kleines Las Vegas im Staat Nevada. Und das birgt Gefahren, wie mir der Zugbegleiter erzählt: „Manche Passagiere glauben, sie hätten Zeit um sich an einen einarmigen Banditen zu setzen.“ Es passiere deshalb immer wieder, dass der Zug ohne die Zocker abfahre. Er hebt seinen Mahnfinger: „So please don’t feel lucky today!“

Beinahe verschlafe ich das Abendessen um 19 Uhr, so gemütlich rattert der silberne Doppelstöcker vor sich hin. Aber ich komme doch noch rechtzeitig und setzte mich an einen Tisch vis-à-vis von Richard und seiner Frau Lynn, ebenfalls beide Pensionäre. Lynn, nicht zu verwechseln mit ihrem männlichen Namensvetter vom Mittagessen, ist stolze Demokratin. Richard, ebenfalls äusserst liberal eingestellt, nimmt die US-Politik hingegen nicht mehr sonderlich ernst. „Hope, Believe, Change, das ist doch alles vorbei. Und Romney ist noch viel schlimmer.“ Keine Angst, sagt mir Lynn, ich sorge schon dafür, dass er am 6. November wählen geht. „Ach ja?“, neckt Richard seine Frau. „Abwarten. Vielleicht habe ich ja dann am Wahltag plötzlich Kopfschmerzen.“

Kennst du den?
Ich erzähle den Beiden von meiner Reise durch die USA, und dass ich als nächstes die Mormonen in Utah besuche. „Oh Gott!“, sagt Richard. „Ich hab mal ein Buch über ihren Gründer Brigham Young gelesen. Der war ein Quacksalber! Und wusstest du, dass sie Polygamie betreiben?“ Heute nicht mehr, entgegne ich. „Ach was, das gibt es immer noch, sie nennen sich einfach nicht mehr offiziell Mormonen. Und weisst du, wie Brigham Young seinen Namen erhielt? Er brauchte immer neue Frauen und sagte seinen Leuten jeweils: I don’t care how you bring them, just bring’em young.“

Wir sind die Letzten im Restaurant. Pat und ihre Kolleginnen sind schon am Aufräumen. Noch ein letztes Glas Rotwein. Am Schluss erzählt Richard noch von seiner Zeit in L.A., als LSD aufkam. Lynn lacht und nickt: „Als ich ihn zum ersten Mal kennenlernte, trug er ein Cape.“ Gegen elf Uhr verabschieden wir uns voneinander.

Ich lege mich in meinem Schlafabteil hin, für ein paar Stunden Schlaf. Dann, um drei Uhr in der Nacht, nach 17 Stunden Fahrt, heisst es Aussteigen in Salt Lake City, Utah. Dem Zentrum der Mormonen, den Glaubensbrüdern- und Schwestern des Republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. Ein Staat dominiert von Religion und Republikanern. San Francisco liegt weit zurück.

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