Der Kommentar: Joseph S. Blatter schätzt den Papst, besucht ihn gelegentlich und erleidet nun ein Schicksal wie der Mann auf dem Heiligen Stuhl. Dieser kann noch so viele Sozial-Enzykliken publizieren, die mediale Wahrnehmung des Vatikans beschränkt sich auf die Äusserungen älterer Herren zur Empfängnisverhütung. Blatter ist in eine ähnliche Falle geraten. Der PR-Fachmann und Träger des «Bambi» in der Kategorie Kommunikation hat sein core business nicht im Griff. Solange er Dinge sagt, wie er sie sagt, glaubt ihm niemand. Und von der Fifa spricht man nur mehr im Zusammenhang mit Korruption. Denn auch für die zweitschönste Nebensache der Welt gilt: Entscheidend ist die Wahrnehmung.

Trotzdem, Blatter hält sich. Das ist bei objektiver Betrachtung eine Leistung. Denn die halbe Welt und mit ihr mancher ehemalige Gefolgsmann hat unter Berufung auf Zeitgeist, Transparenz und politische Korrektheit versucht, den Fifa-Präsidenten zu Fall zu bringen. Keinem ist das gelungen, nicht einmal ansatzweise. Blatter ist einzigartig. Und der mit Einzelunterschrift gesegnete Chef seines Milliardenunternehmens scheint unbezwingbar. Das ist kein Lob, sondern der Versuch zu verstehen.

Dass man ihn nicht versteht, wird Blatter selbst nicht bestreiten. Wie denn auch, angesichts einer weltweit einmaligen Kombination von bilateraler Zuwendung, Mangel an Eleganz und meisterhaft vorgetragener Intrige. Blatter ist auf selbstvergessene Art authentisch. Am besten gibt er die Unschuldsmiene. Dagegen ist Marlon Brando, auch nach ein dreiviertel Stunden Leinwandschweigen, ein Nichts. Visp - Hollywood 1: 0. Apropos Hollywood. Blatter ist vielleicht kein Narziss. Umso besser spielt er mit Narzissmen. Das «S» von Joseph S. Blatter steht für ein von ihm selbst gesetztes «Sepp». Und dass er nach eigenem Bekunden den Friedensnobelpreis nicht ablehnen würde, ist weniger mit einer diesbezüglichen Anfrage zu erklären als dem Louis XIV. entlehnten Ausspruch, im Reiche der Fifa gehe die Sonne nie unter.

Blatters Rhetorik erreicht ihr Ziel. Denn mit Bildern von einfachem Zugriff definiert er in jeder Situation das ihm genehme Spielfeld. Ein aktuelles Beispiel ist der Vorwurf, er habe schon vor Jahren von Schmiergeldern gewusst. Blatter kontert, das sei nicht strafbar gewesen, deshalb könne er damals auch nicht von einer Straftat gewusst haben. Nur war das ja gar nicht der Punkt. Aber Blatter argumentiert juristisch (nämlich mit dem strafrechtlichen Rückwirkungsverbot, «nulla poena sine lege»), wo keine Juristerei gefragt ist, sondern die simple Einhaltung allgemein akzeptierter Ethik. Eine Ethik, von der auch die Fifa behauptet, sie zu kennen und zu beachten – allerdings in eher unverbindlich gehaltenen Umschreibungen.

Blatter ist ein hochbegabter Wortjongleur. Höchstleistungen ruft er ab, wo er nicht nur Angriffe pariert, sondern den Angriff gleich selbst erfindet. So kürzlich mit der Behauptung, Uli Hoeness habe bei einer Geburtstagsfeier auf Blatters Fifa-Ende noch im laufenden Jahr gewettet; aber er, Blatter, lasse sich nicht durch solche Wetten aus dem Amt drängen. Hoeness, durchaus empört, musste verneinen, diese Aussage je gemacht zu haben.

Indes ist Blatter mehr als ein Fall für Sprachwissenschafter, Rhetorikseminare und Freunde des redundanten Zirkelschlusses. Der gelernte Volkswirt unterhält einen gut ausgestatteten Giftschrank. Wer ihm entgegentritt, der wird umgehend an eigene Verfehlungen erinnert. Blatter kann sich halten, weil er über alle zu viel weiss. Und das wissen sie alle. Das erinnert an das Bonmot eines Zürcher Staatsrechtlers, in der Schweiz gebe es keine Korruption; in der Schweiz kenne man sich.

Er weltmännelt. Dabei ist Blatter immer Oberwalliser geblieben. Vielleicht sollten sich seine Gegner aus allen Kontinenten einmal mit dem knorrigen Kantonsteil befassen. Dann erfahren sie, dass diese deutschsprachige Minderheit die französischsprachige Unterwalliser Mehrheit während Jahrhunderten unter Kontrolle gehalten hat. Und dass dort keine protestantischen Denk- und Governanceregeln gelten, sondern eine schwarze, barocke Version der Macht. Oder dass Eigensinn oberstes Gebot ist. Peter von Roten, ein Landsmann Blatters, trat ebenso vehement für die Freie Liebe und die GSoA ein wie für das lateinische Hochamt.

Blatter? Nicht Friedensnobelpreis, sondern Ewiger Walliser.

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