Der Untergang

Im Jahr 2006 war das Ende der Schweiz ganz nah. «Wir gehen mit grossen Schritten auf den Abgrund zu», sagte der damalige SVP-Präsident Ueli Maurer in einem Interview. Die Stärken des Landes würden aufgegeben: «Wir haben in den letzten zwölf Jahren die Kontrolle verloren.»

Sieben weitere Jahre hat unser Land zwar überlebt. Jetzt aber ist definitiv Endzeit. «Die Schweiz löst sich auf wie ein Stück Zucker im Wasser – bald ist nichts mehr davon sichtbar, was uns einmal ausgemacht hat», warnte der Aargauer SVP-Fraktionschef Andreas Glarner am Freitag in der «Nordwestschweiz». Gleichentags flatterte das «Extrablatt» der SVP in 2,8 Millionen Haushalte. Auf der Frontseite das finstere Bundeshaus mit EU-Flagge unter rabenschwarzem Himmel. Dazu die Schlagzeile: «Damit die Schweiz nicht zugrunde geht: Volkswahl des Bundesrates!»

Mir kam unweigerlich eine Episode in den Sinn, die mein Grossvater wiederholt erzählte. 1920 stimmte die Schweiz über den Beitritt zum Völkerbund ab, den Vorläufer der UNO. Nachdem das Volk zugestimmt hatte, habe sein Lehrer am Montag das Ende der Schweiz verkündet, die Klasse musste die Nationalhymne «Rufst du mein Vaterland» in der Vergangenheit singen: «Hattest noch der Söhne ja» statt «Hast noch der Söhne ja». «Die Mädchen heulten», erinnerte sich mein Grossvater.

Die Linken stehen den Rechten in nichts nach, wenn es um apokalyptische Prognosen geht. Kulturschaffende wählten 1992 für die Weltausstellung in Sevilla das Motto «La Suisse n’existe pas». Die frühere SP-Bundesrätin Ruth Dreifuss sagte 1993, es werde die Schweiz in zehn Jahren wohl nicht mehr geben.

Das Selbstverständnis der Eidgenossenschaft war damals – nach dem EWR-Nein – zutiefst erschüttert. Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz prognostizierte 20 Prozent Arbeitslosigkeit.

Dass aber heute Politiker vom Ende der Schweiz reden, wo die Arbeitslosigkeit tief ist und die Wirtschaft wächst, erstaunt. Denn ist es nicht so: «Die Schweiz entwickelte sich seit 1992 sehr gut.» Und angesichts der Probleme in der EU «ist unser Land plötzlich die Insel der Glückseligen.» Wer das gesagt hat? Die Zitate stehen nicht im Extrablatt der SVP. Aber sie stammen von Christoph Blocher.

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