Der Totentanz hat noch nicht begonnen

Propheten , Gurus und Besserwisser haben in diesen dramatischen Wirtschaftstagen wahrlich Hochkonjunktur. Die schillerndste Figur unter ihnen ist wohl Marc Faber. Er nennt sich «Dr. Doom» («Dr. Untergang»). Den Untergang also prophezeit der Schweizer Fondsmanager täglich aus dem fernen Hongkong. Passend dazu das Foto auf seiner Internetseite: ein mittelalterlicher Totentanz. Jetzt fühlt sich Faber bestätigt, wenn er in alle Mikrofone sagen kann: «Wir haben den Tiefpunkt bei den Börsen noch nicht erreicht.» Der Mann muss sich und seiner Rolle ja schliesslich treu bleiben.

Ganz ehrlich: Verstehen Sie, was genau passiert ist und wohin es führt? Haben Sie sofort begriffen, was die Schweizerische Nationalbank mit ihrer Intervention gegen den starken Franken vorhat? Selbst gestandene Wirtschaftsjournalisten brauchten zwei Anläufe, um es so zu formulieren, dass wir es alle verstehen: Geld drucken, Zinsen runter, Franken schwächen. Die Bürger sind genauso überfordert wie die Anleger und letztlich auch die Ökonomen. Gerade bei ihnen hängt die jeweilige Einschätzung stark von ihrer ideologischen Vorstellung ab. Einordnungen sind deshalb wichtig. «Der Sonntag» versucht dies in dieser Ausgabe auf insgesamt 8 Seiten.

Psychologie – das ist der einzige gemeinsame Nenner für die Ereignisse in Zürich, Tokio oder Washington. Es hat mit Psychologie zu tun, wenn sich an den Börsen die Anleger in Sicherheit bringen. Es hat aber auch mit Psychologie zu tun, wenn Philipp Hildebrand die Geldmaschine anwirft. Wie nachhaltig die Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank sein werden, bleibt – um es mit einem Wort der Stunde zu sagen – volatil. Hinter der Psychologie steckt wiederum in beiden Fällen eine Panik. Vor einem starken Franken, der die Wirtschaft kaputtmacht. Vor einer Weltwirtschaft, die sich nur scheinbar erholt hat. Kurzum: Das Vertrauen ist weg.

Was taugen die Interventionen? Diese Frage spaltet die Wirtschaftsgeister, insbesondere beim starken Franken. Bereits am Tag nach der Intervention wurde der Euro wieder für Fr. 1.08 gehandelt. Es sei ein «Light-Paket», frotzelte Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart. SP-Präsident Christian Levrat verstieg sich gestern im «Blick» gar zur Behauptung: «Wäre das Wirtschaftsdepartement in SP-Händen, wäre schon lange gehandelt worden.» Das ist erstens eine verspätete Retourkutsche nach der Departementsverteilung und zweitens völlig vermessen: Es geht es nicht um Partei-, sondern um übergeordnete Interessen. Es geht um den Wohlstand unseres Landes.

Johann Schneider-Ammann ist sichtlich bemüht, den Eindruck zu vermitteln, er habe genau diesen Wohlstand im Blick und die Lage im Griff. Wenn dann aber Plattitüden folgen wie «Wir machen nicht nichts» oder «Wir arbeiten Tag und Nacht», dann sind Zweifel erlaubt – zumindest an der Kommunikation. Dabei legt sich der Wirtschaftsminister mehr ins Zeug als mitunter wahrgenommen. Ein runder Tisch gegen die Profiteure der Wechselkursgewinne mag noch kein Patentrezept sein, aber es ist ein wichtiges Signal.

Die Euroabzocker, die anhaltende Schuldenproblematik im EU-Raum, die gestrige Herabstufung der Wirtschaftssupermacht USA durch Standard& Poor’s – und dann die Angst vor dem Börsenstart am Montag. Das Zittern geht weiter. In der Schweiz bleibt Notenbanker Hildebrand gar nichts anderes übrig, als Geld zu drucken. Auf Teufel komm raus. Dann kann der Faber’sche Totentanz verhindert werden.

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