Der Kommentar: Es muss 1997 gewesen sein, als ich in meiner damaligen Funktion als Präsident des Clubs Zürcher Wirtschaftsjournalisten Daniel Vasella als Gast vor eine Runde Finanzjournalisten einlud – zum Hintergrundgespräch. Rainer E. Gut, nicht eben als ängstlich bekannt, tat selbiges ein Jahr später und bezeichnete sich dabei als «Daniel in der Löwengrube». Nicht so Vasella: Als er den Raum betrat, wähnten wir einen Moment lang einen Berufskameraden unter uns, so unprätentiös trat er auf. Er schilderte leicht amüsiert, wie ihn am selben Morgen in Risch eine Gruppe von Greenpeace-Leuten empfangen hatte. Zur Erheiterung aller servierte er diesen Tee und Kaffee, womit er sie offensichtlich versöhnlich stimmte. Im Gespräch mit den Journalisten erläuterte er anschliessend seine Arbeit so einfühlsam und glaubwürdig, dass wir uns zeitweise in seine Haut versetzt fühlten. «Identifikation stiften» nennt man diese Art von Kommunikation. Sie zählt zur Spitzengattung. Vasella war darin DER Grossmeister.

Wie konnte es kommen, dass eine derartige Koryphäe der Kommunikation just am Ende einer erfolgreichen Karriere zum gegenwärtig wohl grössten Buhmann der Schweizer Wirtschaft wird – jemand, der selbst aus den Reihen von Economiesuisse und von seinem Freund Abt Martin keine Unterstützung mehr erhält? Weshalb endet der Matador in seinem Hauptfach – Leute zu überzeugen, zu gewinnen, zu beherrschen – mit einer Kanterniederlage?

Zweifellos: Das Portal «Inside Paradeplatz» ist Vasella mit der Aufdeckung der Millionenabfindung gehörig in die Parade gefahren und zwang diesen zur Vorwärtsstrategie in Form einer öffentlichen Bestätigung. Erst diese öffnete die Schleusen für einen an einen Shitstorm grenzenden Wutschwall gegen so viel Unverfrorenheit. Wir haben viel Verständnis und wenig Mitleid.

Doch auch gegen Marcel Ospel oder Brady Dougan wurden reihenweise publizistische Raketenwerfer in Stellung gebracht. Ersterer hielt sich erstaunlich lange, trat schliesslich erst auf massiven Druck der Bankenkommission zurück. Der Zweite zeigte seinen Kritikern sein cooles Lächeln – und blieb. Auch Philipp Hildebrand ging erst, nachdem er von seinen Kollegen mit einem «Du oder wir» konfrontiert worden war. In allen Fällen destabilisierte der Direktschuss der Medien wohl das Umfeld, nicht aber die Betroffenen selbst. Nicht so bei Vasella: Dieser liess sich von niemandem etwas sagen, auch nicht von seinem Verwaltungsrat – offensichtlich entschied er für sich allein, sein 72-Millionen-Paket abzublasen. Weshalb also wirkte die öffentliche Empörung just bei Vasella, dem Untouchable in Sachen Kommunikation, derart direkt?

Um diese Frage zu beantworten, blättern wir nochmals zurück, ins Jahr 2002. Hier liegt die kommunikative Schlüsselstelle von Daniel Vasellas steilem Aufstieg an die Spitze der grosszügigen Selbstbelohner. In einem fünfseitigen Essay für das Magazin «Time» über Geld, Gier und Moral schrieb er: «Als ich nicht mehr so viel über Geld hätte nachdenken müssen, stellte ich fest, dass ich immer mehr darüber nachdachte», und folgerte: «Geld korrumpiert.» Wollte er sich warnen vor dem, was ihn schliesslich trotz allem übermannte? Hier stolperte ein hochintelligenter Mann sehenden Auges in ein Schicksal, vor dem er sich schützen wollte.

Es war nicht das einzige Paradoxon. Im «Time» forderte Vasella noch Transparenz – und hielt nun die 72 Millionen geheim. Einmal abgesehen vom vergleichsweise profanen Problem der börsenrechtlichen Meldepflicht: Wie konnte er meinen, ein solches Verhalten sei «transparent»? Dass er die Millionen gegenüber der «Tagesschau» gar noch abstritt, komplettiert die Einschätzung: Hier hat jemand den eigenen Kompass verloren, seine eigenen «heiligen» Grundsätze pervertiert und damit der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Perfektion der Kommunikation ist letztlich die Manipulation. Der Magier der Kommunikation wurde wohl auch deshalb zum Manipulator, da er – durchaus selbst verschuldet, da so von langer Hand orchestriert – keinerlei ehrliche Kritik und damit Aussenwahrnehmung mehr erhielt. Kern jeder erfolgreichen Kommunikation ist stets das schonungslose Abgleichen von Fremd- und Selbstbild. Bei Vasella wuchsen die Diskrepanzen ins Unermessliche.

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