Der Kommentar: HSG-Dozent Ulrich Thielemann hat eine schon fast historische Leistung geschafft. Es scheint, als würde er seinen «Landesverrat» überleben – ohne auch nur im Geringsten zurückzubuchstabieren.

Bisher konnten einzig linke Politiker das Bankgeheimnis ungestraft kritisieren; von ihnen erwartete man ja nichts anderes. Aber wehe, wenn sich ein Bürgerlicher, ein Wirtschaftsvertreter oder ein Wissenschafter kritisch äus-serten! Privatbankier Hans J. Bär sagte vor fünf Jahren, das Bankgeheimnis mache «fett und impotent», und er

sei «zu dumm, um den Unterschied zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung zu verstehen». Was geschah? Bär wurde von der eigenen Gilde als halbsenil fertiggemacht, krebste dann am Fernsehen ein bisschen zurück, ohne seine Aussage wirklich zu widerrufen – und zeigt sich seither nicht mehr öffentlich.

Auch auf Thielemann, der seinen Lohn von der Lieblings-Universität des Schweizer Finanzplatzes bezieht, wird seit zwei Wochen aus allen Rohren gefeuert. Er wird als «Hofnarr» lächerlich gemacht (SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli), als «unwissenschaftlich» abqualifiziert (CVP-Präsident Christophe Darbellay) und vom eigenen Chef als «imageschädigend» gerügt (HSG-Rektor Ernst Mohr).

Und wie reagiert Thielemann? Er verkriecht sich nicht, er krebst auch nicht zurück – sondern begründet und vertieft in Interviews seine Kritik am Bankgeheimnis bzw. an den Steueroasen. Wer die detaillierte Stellungnahme auf seiner Homepage liest (www.iwe.unisg.ch), kommt nicht umhin einzuräumen: Der Mann argumentiert stringent, deckt Widersprüche seiner Widersacher gnadenlos auf – und ja, er hat in der Sache wohl recht.

So viel zum Inhalt. Bleibt die Frage zur Form: Darf ein deutscher Dozent einer Schweizer Universität vor deutschen Politikern sich zum Schweizer Bankgeheimnis äussern? Geschickt ist das sicher nicht. Landesverrat aber auch nicht. Eine Aussage ist entweder richtig oder falsch. Egal ob sie in St. Gallen, Bern oder Berlin gemacht wird.