Der Staat übernimmt

Die folgende Geschichte hat sich nicht in der DDR der 80er-Jahre zugetragen, sondern in der Schweiz im Jahr 2015. Es ist die Geschichte von Nelly Hunziker, einer 88-jährigen Luzernerin. Sie musste im April nach einem Sturz ins Spital und kam danach in ein Altersheim. Ob sie wieder in ihre Wohnung zurückkann, ist unsicher. Nelly Hunziker hat einen Wunsch: Sie möchte aus ihrer Wohnung ein paar Sachen ins Altersheim holen. Ihre Kommode, ein Fotoalbum und vor allem Sommerkleider. Doch die Luzerner Behörden – die Kesb und weitere Ämter – beschlagnahmten den Schlüssel zur Wohnung. Drei Monate lang versuchten die Seniorin und ihre Angehörigen mit allen Mitteln, den Schlüssel zu bekommen. Doch erst als die 88-Jährige diese Woche in der «Neuen Luzerner Zeitung» über ihr Schicksal sprach, erhielt sie diese – und eine Entschuldigung des Stadtrats dazu.

Gewiss, es gibt tragischere Schicksale als das von Nelly Hunziker, und es kam zu einem Happy End kurz vor dem 1. August, an dem die «freien Schweizer» besungen werden. Doch ihr Fall illustriert eine ungesunde Entwicklung: Immer mehr Lebensbereiche werden «professionalisiert», wie es dann heisst. Diese Professionalisierungen gehen einher mit der Abgabe von Verantwortung vom Einzelnen an den Staat und seine Behörden. Schnell kommt dann, wenn etwas schiefläuft, ein Anti-Behörden-Reflex («Kesb abschaffen!»). Doch der greift zu kurz.

Denn dass sich der Staat mehr und mehr ausdehnt, ist die Kehrseite einer wachsenden Anspruchshaltung. Etwa an der Schule, wo Eltern erwarten, dass die Lehrer auch gleich noch die Erziehung übernehmen. Oder im Gesundheitswesen, wo man wegen Petitessen in den Spitalnotfall geht und es selbstverständlich ist, dass alles die Krankenkasse zahlt. Und wenn die Kinder der Nachbarn offensichtlich vernachlässigt werden: Helfen wir dann wirklich selbst?

Ebenso wie die Behördenarbeit sollten wir auch uns selbst hinterfragen. Eigenverantwortung zu predigen, ist am 1. August einfach, sie zu leben, schon schwieriger. Wir sollten es aber tun. Sonst beginnt das Fundament des liberalen Rechtsstaats zu bröckeln, und eines Tages werden uns die Schlüssel abgenommen werden.

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