Gewiss, es gibt tragischere Schicksale als das von Nelly Hunziker, und es kam zu einem Happy End kurz vor dem 1. August, an dem die «freien Schweizer» besungen werden. Doch ihr Fall illustriert eine ungesunde Entwicklung: Immer mehr Lebensbereiche werden «professionalisiert», wie es dann heisst. Diese Professionalisierungen gehen einher mit der Abgabe von Verantwortung vom Einzelnen an den Staat und seine Behörden. Schnell kommt dann, wenn etwas schiefläuft, ein Anti-Behörden-Reflex («Kesb abschaffen!»). Doch der greift zu kurz.

Denn dass sich der Staat mehr und mehr ausdehnt, ist die Kehrseite einer wachsenden Anspruchshaltung. Etwa an der Schule, wo Eltern erwarten, dass die Lehrer auch gleich noch die Erziehung übernehmen. Oder im Gesundheitswesen, wo man wegen Petitessen in den Spitalnotfall geht und es selbstverständlich ist, dass alles die Krankenkasse zahlt. Und wenn die Kinder der Nachbarn offensichtlich vernachlässigt werden: Helfen wir dann wirklich selbst?

Ebenso wie die Behördenarbeit sollten wir auch uns selbst hinterfragen. Eigenverantwortung zu predigen, ist am 1. August einfach, sie zu leben, schon schwieriger. Wir sollten es aber tun. Sonst beginnt das Fundament des liberalen Rechtsstaats zu bröckeln, und eines Tages werden uns die Schlüssel abgenommen werden.

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