Natürlich, man wusste, dass mit dem berühmten Regisseur etwas nicht stimmte. Roman Polanski konnte nie verheimlichen, dass er von den USA gesucht wird wegen Sex mit einer Minderjährigen. Das kam mit jedem Interview und jeder Ehrung seines Schaffens wieder hoch. Aber es gelang Polanski über die Jahre sehr erfolgreich, den Eindruck zu erwecken, er sei von der amerikanischen Justiz ungerecht behandelt worden. Und zudem, so glaubte ich und mit mir wohl die meisten, die sich mit Polanski beschäftigten, handelte es sich wohl um einen kleinen Ausrutscher, den die Amerikaner dramatisierten.

Als ich dann die Protokolle der Aussagen des Opfers las, änderte sich meine Meinung rasch. Was hier beschrieben ist, scheint wie eine geplante Vergewaltigung. Nun, wie es wirklich war, das weiss ich natürlich nicht. Doch Polanski hat immerhin selber zugegeben, dass er Sex mit einem 13-jährigen Mädchen hatte. Ein reines Justizopfer ist er also sicher nicht, auch wenn vielleicht Verfahrensfehler vorgekommen sind.

Somit stellt sich jetzt eine andere Frage: Warum konnte Polanski in der Schweiz ein Haus erwerben, wenn doch dasselbe Justizdepartement, das dies bewilligen musste, auch über den Haftbefehl gegen den prominenten Mann Bescheid wusste. Hat man hier jemanden geschont oder ist die Bürokratie einfach nur so umständlich, wie sie sich selber darstellt. Für mich ist jedenfalls klar geworden, der einfache Anti-Amerika-Reflex genügt nicht. Schon wieder muss man sich fragen, wie ernst es Beamten und Politikern in Bern ist mit der Durchsetzung geltenden Rechts.