Der Kommentar: Ganz oben ist der Weltsport ein Milliardengeschäft. Je gigantischer die Summen, desto voller ist das Trittbrett der Profiteure. Nichts darf die Aufwärtsspirale stoppen. Also wird betrogen, geschmiert und gespritzt. Die Enthüllungen hören nicht auf. Mittlerweile steht jeder Rekord unter Dopingverdacht. Aber nicht genug. Betrogen wird auch hinter den Kulissen. Bei der Vergabe von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen sind Bestechung und Stimmenkauf gang und gäbe. Das alles macht den Sport kaputt.

Sollte der wahre Sport im Sumpf verkommen, ginge mehr verloren als ein profitabel inszeniertes Spektakel. Sport ist mehr als verblüffende Aktion in kurzen Hosen. Er ist eine Lebens- und Charakterschule par excellence. Fairness und Fairplay sind humanistische Imperative. Der Sport ist ein Juwel in unserer an Scherben reichen Welt. Deshalb ist gut, dass die Wirtschaft den Sport unterstützt. Die Gesellschaft braucht den Sport, der Sport braucht die Sponsoren und die Sponsoren brauchen den Sport. Das soll, ja muss so bleiben. Es geht lediglich darum, die Missbräuche zu bändigen, die illegalen Ecken auszuleuchten und den Machtmonopolen vernünftige Grenzen zu setzen.

Schon früh wurde der Sport von der Politik vereinnahmt. Aus der Idee, der Sport könne über alle Grenzen hinweg zur Völkerverständigung beitragen, wurde der Rausch der Sportfunktionäre nach politischem Einfluss und die Sucht der Politik, sich mit Sporterfolgen zu profilieren. In immer trüberen Verfahren wurden Weltmeisterschaften und Olympische Spiele in finstere Ecken der Welt vergeben. Begonnen hat es 1936 mit den Spielen in Nazi-Deutschland. Die Reihe ist lang und hört nicht auf. Demnächst flattern olympische Friedenstauben in Sotschi und schon bald folgt eine Fussball-WM in der Wüste. Die paar mahnenden Worte sind schon nach der Eröffnung vergessen. Und kaum ist die olympische Flamme aus, läuft es wie immer: Die Sportkarawane zieht ab, die Treueschwüre versiegen im Gewölk, über den fortan leeren Stadien kreisen die Geier, Diktaturen bleiben Diktaturen und alle warten darauf, dass die Nacht des Vergessens endlich wieder Dunkel ins Licht bringt.

Die Überbietungslogik des Sports führte bald vom Rekord zum Siegzwang zum Doping. Zuerst wurde nur verschämt darüber gesprochen. Heute platzt bald jeden Tag der nächste Skandal. Urplötzlich kann jeder Held als Dopingsünder dastehen, ein Topanlass als Bestechungsfall, ein Traumerfolg als Betrug. Für die Sponsoren ist diese ständige Ungewissheit wie ein Hofhund an der Kette, von der sie nicht recht wissen, wie lang sie ist.

Es gibt nicht wenige, die eine Freigabe des Dopings fordern. Sie sagen, alles andere sei naiv. Ich persönlich bin entschieden anderer Meinung. Doping ist Betrug: an sich selber, am Gegner, am Publikum und auch an den Sponsoren. Die Freigabe wäre ein Doping-Obligatorium für alle Jungen, die es im Sport zu etwas bringen wollen. Das wäre die Bankrotterklärung für den Sport schlechthin. Ebenso die Verharmlosung der anderen Betrügereien. Deshalb gehört der Sportbetrug auch in der Schweiz als Offizialdelikt ins Strafrecht. Ein anderer Hebel ist das Bestechungsverbot. Unser Korruptionsstrafrecht nimmt die internationalen Sportdachverbände mit Sitz in der Schweiz ausdrücklich aus. Solche Notausgänge aus dem Recht sind nicht nur problematisch für den Ruf der Schweiz, sie sind es auch für die ganze Wertschöpfungskette im Sport. Neue Gesetze sind nie ein schöner Weg. Aber wenn, wie hier, ein Funktionsversagen ganz offensichtlich nicht anders korrigiert werden kann, sind sie nötig.

Noch wichtiger ist allerdings die Eigenverantwortung. Die Sponsoren können ihre Reputation auch selber schützen. Ganz oben an der Spitze funktioniert der internationale Sport wie ein Gewinnabschöpfungskartell. Entsprechend wirksam muss das Geschütz sein, das die Sponsoren gegen Missbräuche, Rausch und Ruin auffahren. Sei es, dass sie von den Sportverbänden Governance-Standards, transparente Rechenschaft, neutral überwachte Vergabeverfahren, weniger Machtmonopole und mehr Machtteilung verlangen. Sei es, dass sie ihre Unterstützung an die Dopingbekämpfung binden und etwa Blutpässe verlangen. Sponsoren können sich zusammentun und eine Unterstützungs-Politik mit klaren Kriterien entwickeln. Bei Verstössen wird die Notbremse gezogen, die Unterstützung eingestellt, der Vertrag hinfällig. Nichts fürchten die Drahtzieher des Weltsports mehr als den Entzug von Geld und Medienbeachtung.

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