Der Kommentar: Anhänger und Gegner des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi liefern sich Strassenschlachten mitten in Kairo. Beide Seiten behaupten, sie würden die Revolution verteidigen. Mursis Anhänger fühlen sich betrogen; sie wollen ihren demokratisch gewählten Präsidenten zurück. Die Rebellen feiern euphorisch einen politischen Neuanfang, den sie mit Massenprotesten und der Hilfe der Generäle erzwungen haben.

Militärputsch oder Volksaufstand? Das Lehrbuch hilft nicht. Ägypten ist mitten im Umbruch. Die Einmischung der Generäle ist ohne Zweifel ein Rückschlag für die demokratische Entwicklung. Sie ist aber letztlich die logische Folge eines Übergangsprozesses, der von Anfang an fehlerhaft und chaotisch war und schliesslich völlig aus dem Ruder gelaufen ist, weil es nie einen Grundkonsens gab.

Schuldige gibt es viele: Die starrköpfige Regierungsmehrheit der Islamisten genauso wie eine arrogante, zersplitterte Opposition, von der sich viele gewünscht haben, dass die Muslimbrüder scheitern. Und schliesslich eine Justiz, die statt Recht zu sprechen Politik gemacht hat. Das Ergebnis ist ein Land, das mit jedem Tag näher an den Abgrund rutscht und unregierbarer wird.

Jetzt sind alle Augen auf General Adelfattah al-Sisi gerichtet. Seine Armee hat ihre Neutralität aufgegeben und sich auf eine Seite in dieser polarisierten Gesellschaft gestellt. Ein Drittel der Bevölkerung sind nun seine Gegner, die sich weiter radikalisieren könnten. Spätestens nach den Strassenschlachten müsste Sisi nochmals über die Bücher, um eine Lösung zu suchen, die auf Konsens baut und nicht auf Konfrontation.

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