Der Kommentar: Es sind Worte, wie man sie in der neueren Kirchengeschichte wohl noch nie von einem Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz gehört hat. Martin Werlen, der Abt des Klosters Einsiedeln, sagt schonungslos: «Die Situation der Kirche ist dramatisch» (siehe Seite 6). Die Polarisierung zwischen konservativen und progressiven Kräften sei so gross, dass «der Graben kaum mehr einen Dialog zulässt». Die Relativierung der Missbrauchsfälle durch Würdenträger bezeichnet Werlen als «unverantwortlich» und «theologisch inkompetent».

Werlens Forderungen sind ein serieller Tabubruch: In allen heiklen Fragen – Zölibat, Rolle der Frauen, sexueller Missbrauch, Umgang mit Geschiedenen, Bischofs-Wahlverfahren – nimmt er pointiert Stellung. Immer zugunsten von Öffnung, immer im Sinn jener übergrossen Mehrheit der Kirchenbasis, die nicht verstehen kann, dass die offizielle Kirche in den letzten Jahrzehnten keinen Schritt nach vorn gemacht hat. Einige Amtsträger – allen voran der weltfremde Bischof von Chur, Vitus Huonder – sind sogar daran, das Rad zurückzudrehen: Er geisselte diese Woche den Dialekt-Trend in der Kirche und will die Mitwirkung von Laien beschneiden.

Da kommt Abt Werlen, der intelligent mit Aussagen früherer Päpste argumentiert, zum richtigen Zeitpunkt. Er zeigt, dass es in der Kirche nicht nur die Huonders gibt, die nach dem Motto handeln: «Wem es nicht passt, der soll doch austreten.» Abt Werlen ist ein Mutmacher für all jene, die den Glauben an Reformen nicht aufgegeben haben. Abt Werlen brauchte für seine Stellungnahme wohl selber viel Mut, und diesen Mut könnte er nicht zuletzt nach seinem schweren Unfall gewonnen haben. Wer dem Tod schon fast in die Augen geschaut hat, der wird furchtlos und sieht vieles klarer.

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