Der Kommentar: «Ob wir rote, gelbe Kragen, Helme oder Hüte tragen, Stiefel oder Schuh . . . Das tut, das tut nichts dazu», sangen freiheitsliebende Studenten Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im Kampf gegen die alten Mächte Adel und Klerus. «Das tut nichts dazu», dachten auch die alten Mächte des Kirchenstaats, als Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst Franziskus seine schwarzen Strassenschuhe nicht gegen die rote Fusszierde des Pontifex tauschen wollte. Das sei nur Äusserlichkeit, ebenso wie sein Verzicht auf Brokat und Staatskarosse. Innerlich führe Franziskus den Kurs seines Vorgängers fort. Wie sie sich irrten!

«Der Karneval ist vorbei», belehrte er seinen Zeremonienmeister, der die roten Schuhe wieder einpacken durfte. Nicht nur der Karneval ist vorbei, auch der Finanzsumpf um die Vatikanbank soll endlich trockengelegt werden und mit der Selbstherrlichkeit der römischen Kurie soll auch Schluss sein.

Während unter klerikalen Karrieristen die Angst umgeht, was dem Boss als Nächstes noch einfallen könnte, hat Papst Franziskus die Herzen der Menschen von der ersten Minute an gewonnen. Seit seiner unfehlbar authentischen Begrüssung nach der Wahl auf der Loggia des Petersdoms, seinem legendär einfachen wie vielsagenden «buona sera», schnellte die Besucherzahl der wöchentlichen Generalaudienzen um das Fünffache an, wie das vatikanische Pilgerbüro gerade verkündete. Wenn er an seinem Geburtstag zur Morgenmesse vier römische Clochards samt ihren Hunden einlädt und mit ihnen im Anschluss sein Frühstück teilt oder wenn er seine Schweizer Gardisten nachts raus aus den vatikanischen Mauern schickt, um frierenden Obdachlosen beizustehen: die Symbolhandlungen des Papstes «vom äussersten Winkel der Erde» werden in Windeseile weltweit verbreitet.

Hierzulande berichten nicht länger nur religiöse Spartensender über den Papst, sondern Radio SRF 1 oder SRF 3. Sein erstes Lehrschreiben «Evangelii gaudium» ist in allen Zeitungen präsent, in säkularen übrigens mehr als in kirchlichen.

Was macht die Faszination des Bergoglio-Papstes aus? Einmal seine überzeugend gelebte Offenheit und Freundlichkeit. Seine Umarmungen von Behinderten, Kranken oder Kindern werden nicht als PR-Gag wahrgenommen, sondern als Geste tiefer Menschlichkeit. Franziskus lebt sein Programm, was ihn in den Augen vieler fundamental von den weltlichen Staatenlenkern unterscheidet. Hier ist einer, der wirklich lebt, was er predigt, der selbst glaubt, wovon er redet. Von wie vielen lebenden Politikern liesse sich das sagen? Und wer von ihnen hätte den Mut, das zentrale Problem unserer Zeit offen auszusprechen: unser auf Gier und Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem, welches die Reichen immer reicher werden lässt und zugleich immer mehr Menschen geistig und ökonomisch versklavt.
Die Faszination Bergoglio geht aber noch tiefer: Seine Botschaft, dass Gott dich und mich liebt, so wie wir nun eben mal sind und obwohl wir so sind, trifft die ungestillte Sehnsucht unzähliger Menschen – weit über die Kirchenmitglieder hinaus. Sein Wunsch nach einer Kirche, die nicht primär Dogmen verteidigt und nicht «Zollamt und Kontrolleinrichtung (ist), die dem Wirken des Heiligen Geistes keinen Raum lässt», weckt in vielen Gläubigen Hoffnung, dass doch nicht alles so bleiben muss, wie es angeblich immer war.

Vom «katholischen Frühling» ist in der Kirche Schweiz noch wenig zu spüren, wir verharren in der Winterstarre. Während der Papst Nicht-Kleriker und Frauen auch in Machtpositionen der Kirche wünscht, streiten wir darüber, ob demokratische Laiengremien, welche die Kirchensteuern verwalten, wirklich zur Kirche gehören. Als ob wir sie nicht brauchten. Wir streiten darüber, wer in der Messe predigen darf und vor allem, wer nicht. Als ob wir fürchten müssten, das Wort Gottes würde von zu vielen verkündet. Wir streiten darüber, ob Menschen, die in ihrer Lebensweise nicht dem kirchlichen Ideal entsprechen, gesegnet werden dürfen. Als ob wir eben doch Zollstation Gottes wären, die den Zugang zur göttlichen Gnade regelt.

«Mir ist eine ‹verbeulte› Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die sich an die eigenen Sicherheiten klammert», schreibt Franziskus in «Evangelii gaudium». Wir alle in der Kirche Schweiz, egal wo wir theologisch oder kirchenpolitisch stehen, haben noch viel von Franziskus zu lernen.

Das zu Anfang zitierte «Bürgerlied» fährt fort: «Aber ob wir Neues bauen? Oder Altes nur verdauen? Wie das Gras verdaut die Kuh, ob wir für die Welt was schaffen, oder nur die Welt begaffen – das tut, das tut was dazu.» Wir Christinnen und Christen sollten dieses Lied auf Strassen und in Kirchen singen, der Papst hätte seine Freude daran.

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