Der Kommentar: Die Vorwürfe sind happig: Von «Gehirnwäsche» und «Sektenbetrieb» ist die Rede. Bei Lidl herrsche eine Kultur der Angst, und im Umgang mit dem Personal wird eine unglaubliche Herzlosigkeit an den Tag gelegt.

Die Skandale über die Zustände in ausländischen Lidl-Filialen, wo die Privatsphäre der Mitarbeiter mit Überwachungskameras und anderen Methoden drastisch beschnitten wurde, sind noch immer gegenwärtig. Der Verdacht liegt deshalb nahe: Zwar wollte sich man in der Schweiz möglichst transparent geben, mit Pressekonferenzen, Swissness in den Regalen und einem Gesamtarbeitsvertrag fürs Personal. Doch trotz allem herrscht auch bei Lidl Schweiz dieselbe Kultur wie im Ausland.

Es ist eine Kultur getrieben von Umsatzgier, Paranoia und einem bedenklichen Bild des Personals, das in haarsträubenden, inoffiziellen Verhaltensregeln gipfelt, wie zum Beispiel dem Verbot des Feierabendbiers für Kadermitglieder.

Die Schweizer Hörnli, Joghurte und Eier in den Regalen des Harddiscounters zeigen, dass sich Lidl sortimentsmässig auf die Schweizer Gegebenheiten und Kundenwünsche eingestellt hat. Doch kulturmässig fand kein Wandel statt.

Dabei wäre genau jetzt der Moment da, um das Gegenteil zu beweisen. Lidl könnte zeigen, dass man aus den Fehlern gelernt hat. Dass man bemüht ist, sich zu ändern. Der Länderchef Matthias Oppitz müsste hinstehen und sagen: Es sind Fehler geschehen, und es tut uns leid. Doch stattdessen wird versucht, die «Verräter» ausfindig zu machen, die über die Missstände auspackten. Und somit bleibt Selbstkritik in der Lidl-Welt ein Fremdwort.

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