Nein, es gibt keine Rechtfertigung dafür, Journalisten per SMS Morddrohungen zu schicken, Plakate aufzuhängen mit ihren Fotos, Namen und Telefonnummern und ihre Ehefrauen und Kinder mit toten Fischen in den Briefkästen zu verängstigen. Ebenso wenig gibt es eine Rechtfertigung dafür, den Petarden-Zünder anzuprangern, seinen Arbeitgeber anzurufen, sein Haus zu zeigen, seine Eltern zu belästigen, ihre Namen, ihren Beruf, ihre Automarke zu nennen.
Jetzt werden die Hetzer gehetzt. Und die reagieren mit Heuchelei darauf.
«Wir lieben den Fussball und verachten Gewalt», rechtfertigt «Blick»-Chef Ralph Grosse-Bley die Hetzkampagne seines Blatts. Wie schrieb Heinrich Böll einst in seinem Buch «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», das von den Praktiken der Boulevardpresse handelt? «Die Gewalt von Worten kann schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.» Die Journalismus-Trottel machen den Journalismus genauso kaputt wie die Petarden-Trottel den Fussball: mit Gewalt.

Ja, der Fisch stinkt vom Kopf her. Der «Blick»-Sportchef verkündete öffentlich, die Pyro-Täter an den Pranger zu stellen sei Aufgabe der Medien, weil der Rechtsstaat nicht mehr funktioniere. Und jetzt muss der «Blick», der die Selbstjustiz ausgerufen hat, die Polizei einschalten. Das ist etwa so, als würden Einbrecher Begleitschutz von der Securitas verlangen, weil sie Angst haben im Dunkeln. Machen wir kurzen Prozess: Der deutsche Boulevard ist in der Schweiz gescheitert.

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