In Großbritannien wird Bilanz gezogen, vorläufige, welchen Schaden die Enthüllungen der letzten Wochen dem Gemeinwesen angetan haben. Es begann mit einem Medienskandal um illegale Abhörpraktiken bei der Boulevard-Sonntagszeitung „News of the World“, aber zog immer weitere Kreise, erfasste auch die Spitzen der Politik und der Polizei, die in verdächtiger Nähe zum Medien-Imperium Rupert Murdochs standen. So viel Kollateralschaden hat die Kommentatoren dazu verführt, zu folgern, alles müsse sich jetzt auf der Insel ändern, denn alles sei lädiert in seinem Ansehen und seinem Selbstverständnis.

Vorsicht vor solchen Pauschalurteilen. So fällt zum Beispiel ins Auge, wie stark heute das Parlament dasteht, dem man noch vor zwei Jahren im Gefolge des Spesenskandals nichts als verlorene Glaubwürdigkeit attestieren musste. Das Unterhaus hat in diversen Ausschüssen geradezu detektivische Arbeit geleistet, um dem seit Jahren schwelenden Thema illegaler Lauschangriffe seitens der Presse auf den Grund zu kommen. Einen Global Player wie Rupert Murdoch, der sich in seinen 42 Jahren als Medien-Mitspieler in England noch nie vor einem parlamentarischen Ausschuss hatte blicken lassen, vor einen solchen zitiert zu haben, ist ein Meilenstein in den Annalen parlamentarischer Aufsicht. Die Demokratie, zumindest an dieser Stelle, hat sich als höchst funktionsfähig erwiesen.

Man mag einwenden, dass dem Patriarchen eines weltweiten Unternehmens nichts anderes übrig blieb als den Canossa-Gang zu gehen und seine Beschämung zu bekennen ob der Praktiken in seinem inzwischen eingestellten Auflage-Flagschiff „News of the World“. In der Tat entledigte er sich dieser Pflicht mit ehrlicher Erschütterung. Aber ein Murdoch geht nicht vor die Schranken des Parlaments, um sich als den einzigen Schuldigen vorführen zu lassen. Politik und Medien waren in England zu tief miteinander verbandelt für eine so schlichte Sehweise.

Als ein Abgeordneter den Medien-Magnaten nach der Zahl seiner Treffen mit den Premierministern der letzten Jahre fragte, wich dieser mit einem souveränen Bonmot aus: „Ich wollte, sie hätten mich in Ruhe gelassen“. So ironisch kommentiert ein Hofierter der öffentlichen Meinung rückblickend die Aufdringlichkeit der Politiker. Das Wort trifft im Übrigen nicht nur auf England zu: Überall heute schielt die Politik nach der letzten Schlagzeile, der letzten Anspielung bei den medialen Marktführern, um deren Gunst man buhlt. „Ich wollte, sie hätten mich in Ruhe gelassen“: Noch nie ist in einem Satz die Hörigkeit der politischen Klasse gegenüber den Medien schonungsloser angesprochen worden. Nicht er, Murdoch, ist der britischen Politik nachgelaufen – es waren die Politiker, die ihn „wie Motten das Licht“ umschwirrten.

Und David Cameron? Der Premier ist zweifellos mitverantwortlich für diese unheilige Symbiose zwischen dem politischen Establishment und dem Medien-Mogul Murdoch. Seine enge Beziehung zu Rebekah Brooks, der zurückgetretenen Geschäftsführerin von „News International“, Murdochs britischer Holdunggesellschaft, liegt wie ein Schatten auf seiner Beteuerung von politischer Unabhängigkeit. Andy Coulson, den früheren Chefredakteur der „News of the World“, als seinen Kommunikationsdirektor eingestellt zu haben, war der gravierendste Fehler seiner bisher eigentlich skandalfreien Amtszeit.

Die Opposition kann sich freuen: Ed Milliband, der Chef der Labour-Partei, hat den Skandal zu seinen Gunsten ausschlachten können, gilt er, der Neuling, doch als der am wenigsten „Murdoch-Belastete“ von allen Spitzenpolitikern. Aber damit wird aus Miliband noch kein potentieller Premierminister. Anerkennung aufgrund der Art, wie er mit dem Skandal umgegangen ist, reicht nicht, um den 40Jährigen bei seiner Partei langfristig zu verankern. Die Zweifel über seine Führungsbefähigung bleiben. Und was wird auch bleiben? Die traditionelle Aggressivität der britischen Medien, die nicht plötzlich tugendhaft werden, weil einer aus ihrer Reihe sich so schrecklich daneben benommen hat.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!