Für den Schweizer Finanzplatz geht es in München um Vergangenheitsbewältigung. Bereits vor Monaten stellten die Banken deutsche Steuerflüchtlinge vor die Wahl: «Entweder zeigt ihr euch selbst an, oder wir werfen euch raus!» Mit dem spektakulären Gerichtsprozess geht eine Epoche zu Ende. Der «Prozess des Jahres» wird in die Geschichte des Bankgeheimnisses eingehen als eine der letzten Wegmarken auf dem langen Gang zu seiner letzten Ruhestätte.

Das Bankgeheimnis basierte auf einer jahrhundertealten Kultur der Diskretion von Privatbanken. Gesetzlich verankert wurde es erst 1935. Während Jahrzehnten verteidigte die Schweiz es mit allen Mitteln. Die Bankiers verdienten sich eine goldene Nase. Hans Bär schrieb, dass es «uns fett, aber impotent» mache. Diese Worte machten ihn zum Unberührbaren. Im März 2008 sagte der Bundesrat Hans-Rudolf Merz trotzig, dass das Ausland sich noch die «Zähne an diesem Bankgeheimnis ausbeissen» werde.

Die Banken haben es längst aufgegeben und ihre Geschäftsmodelle der Moderne angepasst. Das ist Ausdruck eines Realitätssinns, den die Schweiz schon immer ausgezeichnet hat. «Der Opportunismus in diesem Land ist eigentlich das einzige Gesetz, das Gültigkeit hat. Man wird alles, wovon wir jetzt glauben, es sei so heilig und würde zum Selbstverständnis gehören, übers Wochenende in die Kammer der Geschichte hängen», sagt der preisgekrönte Schriftsteller Lukas Bärfuss im Interview mit der «Schweiz am Sonntag».

Bärfuss bezieht sich auf die Beziehung unseres Landes zu Europa. Drei Wochen nach dem 9. Februar kochen die Emotionen noch immer hoch. Linke Politiker fordern jetzt den EU-Beitritt. Rechte wollen sich komplett abschotten und die Grenzen hochziehen. Der Pulverdampf wird sich legen. Und dann wird er wieder da sein, der berühmte helvetische Pragmatismus.

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