Der Kommentar: Mancher Sozialdemokrat traute seinen Ohren nicht, als Parteipräsident Christian Levrat am vergangenen Wochenende den Delegierten in Olten sagte: «Die Europäische Union von Barroso, Merkel, Sarkozy und Berlusconi ist nicht die unsere.» Der Brisanz war sich der SP-Präsident bewusst. Für die EU-kritische Anmerkung wäre er vor 15 Jahren noch aus der Partei geworfen worden.

Seit den 90er-Jahren gehört der EU-Beitritt zum Glaubensbekenntnis der Schweizer Sozialdemokratie. Darum ist bemerkenswert, wie offen Parlamentarierinnen wie Anita Fetz, Bea Heim oder Pascale Bruderer sagen, ein Beitritt komme auf absehbare Zeit nicht infrage. SP-Ständerat Roberto Zanetti spricht davon, die «romantische Liebesbeziehung» seiner Partei zur EU sei vorbei.

Die Mehrheit der sozialdemokratischen Amtsträger plädiert zwar nach wie vor für den Beitritt. Aber es ist in der SP wieder erlaubt, öffentlich dagegen zu sein. Zuletzt durfte sich der knorrige SP-Bundesrat Otto Stich diese Freiheit nehmen. An der linken Basis ist die Liebe zur EU längst erloschen. Auch in den Gewerkschaften ist die Stimmung gekippt. Gesamtschweizerisch sind inzwischen weniger Leute für den EU-Beitritt als für neue Atomkraftwerke – nur noch 19 Prozent. Die SP kann es sich gar nicht mehr leisten, eigene EU-Gegner zu schneiden.

Manchmal geraten unverrückbar scheinende Dogmen über Nacht ins Wanken – siehe Atomausstieg bei CVP und FDP. So schnell gehts bei der SP nicht. Aber ein Hauch von EU-Ausstieg weht durch die Partei. Ein wenig Opportunismus mag bei einigen mitspielen. Hauptgrund aber ist ein anderer: Die Schweiz erscheint heute vielen Sozialdemokraten sozialdemokratischer als die meisten EU-Länder.