Kein führendes Medium in Deutschland unternimmt auch nur den Versuch, eine Gegenposition einzunehmen. Kein Journalist prangert beispielsweise an, dass die Steuern in Deutschland prohibitiv hoch sind, dass der Fiskus in kaum einem anderen Industrieland so viel vom Einkommen einer Familie abzwackt wie in Deutschland. Und dass der Staat, der immer mehr verlangt und immer weniger bietet, Reiche förmlich ins Ausland vertreibt.

Keiner Zeitungsredaktion kommt in den Sinn, die Steuerdebatte als grosse Heuchelei zu entlarven. Sind denn die vermeintlichen Steuerhinterzieher in Deutschland, die ihr sauer verdientes Geld in die Schweiz gebracht haben, wirklich das grosse Problem? Ist nicht vielmehr die grassierende Schattenwirtschaft das eigentliche Problem, die inzwischen fast jeden Haushalt befällt? Wer seine Badewanne abdichten lässt, zahlt Cash. Ist das nun auch ein «Kapitalverbrechen», wie ein bekannter Recherche-Journalist diese Woche die Steuerhinterziehung bezeichnete? Oder vielmehr ein beliebter Nationalsport?

Es ist eben mühsam, vor der eigenen Tür zu kehren. Einfacher ist es, mit dem Finger auf die Schweiz zu zeigen. Eine einzige Ausnahme im medialen Einheitsbrei ist der Kommentar «Europas Prügelknaben» des Schweizer Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung».

Es ist noch nicht so lange her, da kritisierte unsere Schweizerische Volkspartei den Mainstream in Schweizer Zeitungen. Die Parteichefs sollen mal Anschauungsunterricht im deutschen Blätterwald nehmen. Dort werden sie fündig.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!