Der couragierte Herr Seibt

«Es tut gut», kommentiert ein gewisser Roland Sütterlin, «dass es noch Journalisten mit Zivilcourage gibt.» Die Rede ist von Constantin Seibt, Starschreiber des «TagesAnzeigers». Grund für die Sütterlinsche Euphorie: Seibts Abrechnung auf «tagesanzeiger.ch» mit der «Weltwoche», der «Basler Zeitung» und dem damit verbundenen Engagement der Herren Tettamanti und Blocher. Diese Medien, so Seibts Fazit, erbrächten überhaupt keinen Beitrag zur Medienvielfalt. Die Zustimmung der Internet-Community ist gewiss. «Oh, wie wohltuend», jubelt Blanca Imboden, «wenn einer mal alles so auf den Punkt bringt.» Doch wird der Begriff Zivilcourage nicht auf den Kopf gestellt, wenn man lediglich das schreibt, was bereits die Mehrheit denkt?

Es gibt hierzulande nichts Einfacheres, als mit Wollust auf Somm, Köppel, «Weltwoche» und «BaZ» einzudreschen – je härter, desto besser. Mit Klagen oder Gegendarstellungen ist kaum zu rechnen. Doch auch hier sei die Frage erlaubt: Warum schreibt Seibt nie über die Monopolstellung der Tamedia in der Schweizer Presselandschaft?

Aber manchmal benötigt jeder Revolutionär Nestwärme. Dagegen ist nichts einzuwenden. Und trotzdem ist es ein bisschen feige. Niklaus Meienberg, Urvater aller Edelfedern, war ein anderes Kaliber. So schrieb er im «Magazin» des TA eine launige Reportage über den Fürsten von Liechtenstein, einem Bekannten der Verlegerfamilie. Resultat: ein 15-jähriges Schreibverbot. Solange man über Tettamanti und Blocher schreibt, besteht diese Gefahr nicht.

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