Der Kommentar: Der Brexit-Entscheid hat bedrohliche Bruchlinien in der britischen Gesellschaft zutage gefördert: zwischen sozialen Schichten, zwischen den Generationen – und nicht zuletzt zwischen den Regionen. Nicht wenige Kommentatoren prophezeien, dass die separatistischen Strömungen in Schottland, das sich bei der letzten Referendumsabstimmung mit nicht überwältigendem Mehr für einen Verbleib im Vereinigten Königreich ausgesprochen hat, wieder Aufwind bekommen könnten. Auch in Nordirland, wo nach dem Brexit eine EU-Aussengrenze zur Republik Irland entstehen würde, könnte es verstärkt gegen Grossbritannien gerichtete Autonomiebestrebungen geben.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Königreich nicht nur einen Brexit, sondern auch einen Exit erlebt? Die Antwort steht in den Sternen. Aber die Schweizer Erfahrungen nach dem EWR-Abstimmung vom 6. Dezember 1992 könnten gewisse Anhaltspunkte geben. Man erinnert sich: An jenem Abstimmungssonntag schickten die Schweizer Stimmbürger einen Beitritt der Schweiz zum EWR (Europäischer Wirtschaftsraum) bachab. Bei dieser Abstimmung kamen ebenfalls regionale Bruchlinien klar und deutlich zum Vorschein: Während die deutsche Schweiz knapp und die italienische Schweiz den EWR-Beitritt haushoch ablehnte, sagte die welsche Schweiz grossmehrheitlich «ja». Dieses Resultat war ein regelrechter GAU in den Beziehungen zwischen der Romandie einerseits und der deutschen und der italienischen Schweiz anderseits. Kein Wunder, dass Schreckensszenarien bis hin zu einem Auseinanderbrechen der Schweiz ausgemalt wurden. Welsche EU-Befürworter malten in einer Demonstration an der Sprachgrenze bei Murten eine Grenzlinie auf die Strasse.

Wenn man die Gründe des damaligen Entscheids analysiert, werden die Parallelen zum Brexit augenfällig. Auch damals spielten die wirtschaftliche Entwicklung sowie die Opposition zwischen wirtschaftlich darbenden und wirtschaftlich starken Regionen eine wichtige Rolle. Die Romandie steckte mitten in einer Rezession, während das sogenannte Goldene Dreieck um Zürich gut da stand. Allerdings war die EWR-Abstimmung quasi eine Brexit-Abstimmung mit umgekehrten Vorzeichen: Während in Grossbritannien die wirtschaftlich schwachen Gegenden mehrheitlich gegen die EU votierten, wollte sich 1992 die wirtschaftlich darbende Romandie genau aus dem gleichen Grund der EU annähern. Aber hinter diesem scheinbaren Gegensatz kann man wiederum eine Parallele sehen: In beiden Fällen stimmten die wirtschaftlich starken Gegenden für den Status quo (in Grossbritannien hiess dies: für den Verbleib in der EU, in der Schweiz: gegen den EWR), die wirtschaftlich angeschlagenen Gegenden hingegen für eine Änderung.

Die grosse Frage ist, ob die Kluft zwischen wirtschaftlich starken und wirtschaftlich schwachen Gegenden zu einer politischen Fraktur führt. Die Erfahrungen der Schweiz nach dem EWR-Abstimmung zeigen, dass es nicht so sein muss.

Ein Beobachter der Röstigraben-Front war Ende 1992 sicher versucht, der Schweiz eine ungünstige Prognose zu stellen. Und in der Tat wurde die bedrohte interne Kohäsion in unzähligen Medienbeiträgen, Kolloquien und Parlamentsdebatten als bedroht erklärt. Doch die Folgen straften die Pessimisten Lügen. Im Eilzug machte das Schweizer Parlament die Schweiz EU-kompatibel. Dann wurden die bilateralen Verträge ausgehandelt, die 2000 mit deutlichem Mehr angenommen wurden, diesmal von der deutschen wie auch von der französischen Schweiz (die italienische Schweiz sagte allerdings ein weiteres Mal no!). Es kam zu einer wirtschaftlichen Wetterbesserung, von der die Romandie überdurchschnittlich profitierte. Weit entfernt davon, den kranken Mann der Schweiz zu geben, wurde der welsche Landesteil zu einem Wachstumspol. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang war überwunden.

Entsprechend kam es zu einer Beruhigung auch in den deutsch-welschen Beziehungen und zu einem Abklingen des welschen Unbehagens. Von Autonomie oder gar Trennung der Schweiz war künftig nicht mehr die Rede. Die Bruchlinien, die 1992 aufgetreten waren, traten in den Hintergrund.

Nun lassen sich diese Erfahrungen sicher nicht 1:1 auf andere Fälle und auf andere Länder übertragen. Dennoch ist man gut beraten, den Staaten nicht allzu schnell ein Auseinanderbrechen vorauszusagen. Denn zum einen sorgt die sogenannte normative Kraft des Faktischen, anders gesagt: die auch in der Politik so wichtige Trägheitskraft, dafür, dass bestehende Strukturen oft auch grosse Belastungen überleben. Dies zeigt beispielsweise Belgien, das seit Jahrzehnten mit grossen Spannungen zwischen den Regionen leben muss. Und zum andern dürfen die Kohäsionskräfte in «alten» Staaten, wie die Schweiz und Grossbritannien es sind, nicht unterschätzt werden.

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