Die Nachricht: Die Anschläge von Paris und der Balkan-Graben in der Fussballnationalmannschaft. Zwei Themen, die in dieser Woche für Schlagzeilen sorgten und auf den ersten Blick wenig gemein haben. Auf den zweiten schon.

Der Kommentar: Am letzten Sonntag kaufte ich, wie meistens, die vier grossen Schweizer Sonntagszeitungen. Machte mich, wie fast immer, über sie her. 36 Stunden nach dem Drama in Paris. Ich war, wie mehr oder weniger immer, fast nur enttäuscht: Einmal mehr hatte die politische Korrektheit dafür gesorgt, dass ein sehr vielfältiges und aufwühlendes Thema in seinen oberflächlichsten Strukturen, Grenzen und damit praktisch in der Langeweile und im Selbstverständlichen stecken blieb.

Da stiess ich auf diesen Textanriss in der «Schweiz am Sonntag», der auf eine Story mit dem Titel «Balkan-Graben» in der Schweizer Nationalmannschaft hinwies: Einen Tag nach dem fürchterlich leblosen Spiel gegen die Slowaken, zwei Tage vor der spannenden Auseinandersetzung mit Österreich. Ich las die Story. Wie wahr. Sie wurde noch besser, weil sie keine politisch korrekten Ratschläge enthielt, wie ein Problem, das beinahe zwingend ist, gelöst werden muss oder kann.

Dass die Debatte im Rest der Schweizer Presse um das heikle Thema zunächst nicht stattfand, überraschte mich nicht. In der Deutschschweiz gabs nur betretenes Schweigen, das Eingehen auf die Geschichte wäre der Einsicht gleichgekommen, eine grosse Geschichte verpasst zu haben. Da lässt man besser die Finger von einem heissen Eisen, mit dem internen Hinweis, dass es sich um ein altes Problem handle.

Peinlich, sehr peinlich die Reaktion des Fussballverbandes auf die Geschichte. Da wurde ein paar Tage später auf der Website des Verbandes eine Schelte über die «Schweiz am Sonntag» und die «Aargauer Zeitung» ausgegossen unter einem Bild, wie die Nationalspieler sich alle eng umschlungen solidarisch zeigen, Wurzeln vom Balkan oder von der Rütliwiese hin oder her. Mann, oh Mann. Der mörderische Clown aus Nordkorea lässt grüssen.

Nun ist mir selbstverständlich klar, dass schon die Tatsache, die Mordnacht von Paris und den Balkan-Graben in der Nationalmannschaft in einem Satz zu erwähnen, für die Hüter der Heuchelei schon eine Blasphemie sein muss. Ich will auch keinen Zusammenhang herstellen. Ich möchte nur auf das System hinweisen, wie heute aus Angst vor der ewigen Verdammnis, in die alle politisch Unkorrekten versenkt werden, es eigentlich gar nicht mehr möglich ist, Probleme auch nur anzusprechen. Wer aber nicht über Probleme sprechen kann, wird sie nie auch nur annähernd verstehen.

Da gibt es diesen leicht zynischen, aber wirklich gescheiten französischen Kartografen, Statistiker und Gesellschaftskritiker Emmanuel Todd. Lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion bewies er mit seinen Daten über die Kindersterblichkeit, dass die Sowjetunion dem Untergang geweiht war. 1989 feierten sie ihn dafür.

Im Frühling, nach «Charlie Hebdo», belegte Monsieur Todd mit einem Buch, das er «Wer ist Charlie» nannte, dass das entsetzliche Attentat auf das französische Intellektuellen-Heft auch eine Folge davon war, dass das freie und aufgeklärte Frankreich sich ein zweifelhaftes Recht anmasste, die Religion von Minderheiten blasphemisch zu besudeln. Da Emmanuel Todd so nebenbei auch noch als Experte der muslimischen Gesellschaft gelten mag, setzte er sich mit seinem Werk gewaltig in die Nesseln. Und im heutigen Frankreich gilt es fast als politisch unkorrekt, Emmanuel Todd auch nur zu erwähnen.

All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich am letzten Sonntag die vier Sonntagszeitungen durchblätterte. Ohne Analysen darüber zu finden, wie die Unmenschlichkeit dieser Horrornacht von Paris geschehen konnte, wie dieser endgültige Hass, der Ausgangspunkt jedes Terrors ist, entstanden ist. Die leeren Phrasen der politischen Korrektheit sind eine Beleidigung aller Opfer von Paris. Sie helfen in keiner Weise, dass das Problem auch nur erkannt wird, geschweige denn, dass sich solche Katastrophen nicht mehr wiederholen. In dieser grauen Leere der Angst, das Falsche zu sagen oder noch schlimmer zu schreiben, war für mich der «Balkan-Graben» so etwas wie ein Funke der Hoffnung: Keine leeren Phrasen. Denn der Balkan-Graben existiert, auch wenn er politisch unkorrekt ist. Und auch hinter dem Terror von Paris gibt es Wahrheiten, die existieren, obwohl sie politisch unkorrekt sind. Man lese Emmanuel Todd.

* Mario Widmer (75), der Doyen des Schweizer Sportjournalismus, leitete 30 Jahre lang den Sport beim «Blick» und steuerte danach als Manager die Karriere von Martina Hingis.

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