Der Kommentar: Über Kevin Esteve Rigail ist es selbst in Zeiten des Internets nicht einfach, Informationen zu finden. Dass der junge Mann aus Andorra stammt und im letzten Dezember im Weltcup in Gröden debütiert hat, erfährt man auf der Homepage des Internationalen Ski-Verbandes FIS.

Dass er in Chamonix trainiert, hat er später im Zielraum erzählt. Warum das von Interesse ist? Nun, Herr Rigail hat am letzten Montag dem Österreichischen Ski-Verband eine seiner peinlichsten Niederlagen zugefügt: Er war schlicht und einfach schneller als alle Österreicher im Abfahrtsteil der Superkombi, schneller auch als Benjamin Raich oder Joachim Puchner, der nach Ansicht der österreichischen Trainer die rot-weiss-rote Abfahrtshoffnung für die nächsten Jahre ist.

Details wie dieses machten es bei dieser WM so schwer, die Darbietung der Österreicher ins richtige Licht zu rücken. Die selbst ernannte Alpinnation Nummer 1 schwankte zwei Wochen zwischen Medaillenfeiern und dem fortgesetzten Schrecken über die unglaubliche Verletzungsserie, man verstieg sich in Verzückung über die in österreichischen Medien gleich zur «Golden Görgl» hochstilisierte Doppel-Weltmeisterin. Und man jammerte über den Umstand, dass man in der Herren-Abfahrt seit St. Moritz 2003 ohne Gold dasteht – und konnte angesichts des Ausfalls fast der ganzen Abfahrtsmannschaft (Grugger, Scheiber, Streitberger) doch nicht wirklich Kritik üben.

Drehen wir das Rad der Zeit ein Jahr zurück. Die Olympischen Spiele von Vancouver wurden zum Desaster für Österreichs Ski-Herren, zum ersten Mal überhaupt blieb man bei Olympia ohne Herren-Medaille im Skibereich. Das kostete den seit elf Jahren amtierenden Herren-Cheftrainer Toni Giger den Kopf, doch es war ein Wechsel auf typisch österreichische Art.

Giger wurde zum Entwicklungschef des Verbandes befördert, Alpindirektor Hans Pum wurde vom Alpindirektor zum obersten Sportdirektor des ganzen Verbandes hochgelobt und der Anfang der 90er-Jahre als Damentrainer vom Hof gejagte Mathias Berthold wurde als Herren-Cheftrainer eingesetzt. So sieht in Österreich «ein tiefgreifender Strukturwandel» aus, wie es Präsident Peter Schröcksnadel bezeichnete. Berthold hat zwar nicht unbedingt einen neuen Erfolgslauf ausgelöst, aber er hat ein echtes Wohlfühlprogramm gestartet. Berthold lobt die Läufer, die Läufer loben Berthold und die Öffentlichkeit freut sich über das neue Selbstvertrauen der Alpinen.

Am grundsätzlichen Problem wird Berthold aber nicht vorbeikommen: In den letzten Jahren sind dem Verband die Jungen abhanden gekommen. «Wenn man früher einen Sieg im Europacup gefeiert hat, dann hat man noch lange keinen Anspruch auf einen Weltcup-Start gehabt», sagte am Freitag Philipp Schörghofer nach Gewinn seiner Bronzemedaille im Riesenslalom. Er ist 28 Jahre alt und kam erst vor drei Jahren in den Weltcup – vorher waren keine Plätze frei. Neben ihm ist ein 21-Jähriger angetreten, der in der ganzen Saison einen 23. Platz als bestes Weltcup-Resultat hatte. Früher undenkbar, aber früher, das war jene Zeit, in der Österreich mit 15 Abfahrern zum Heimspiel in Kitzbühel angetreten ist,

9 waren gesetzt, 6 gingen in die Qualifikation. Heuer trat der ÖSV mit sieben Abfahrern in Kitzbühel an. Zieht man den schwer verletzten Hans Grugger, den mit Ende der Saison abtretenden Michael Walchhofer und Mario Scheiber, der seine Rücktrittsgedanken mehr als deutlich formuliert hat, ab, muss man in Österreich mit Schaudern an die nächsten Jahre in der Abfahrt denken.

Daher leitet der nimmermüde Präsident Peter Schröcksnadel im 20. Jahr seiner Regentschaft einen Richtungswechsel ein. Jahrelang hat der ÖSV alles dem Gesamt-Weltcup unterstellt, daher mussten die Läufer für eine Kaderqualifikation in drei Disziplinen die Norm erfüllen. Das gilt künftig nicht mehr. «Mit dem System haben wir zu viel Mittelmass produziert», kritisierte der Verbandsboss ungewöhnlich hart während der WM.

Warum ihm dies so unter den Nägeln brennt? In zwei Jahren steht das grosse Heimspiel an, die Ski-WM in Schladming, die der triumphale Abschied für Schröcksnadel werden soll. Sportlicher Misserfolg ist da nicht vorgesehen.Wie sagte Schröcksnadel diese Woche so schön? «Ich schlafe vor jedem Rennen gut, ob die Trainer auch gut schlafen, weiss ich nicht.»