Der Kommentar: «Es war ein öffentlicher Prozess», teilte Chinas Nachrichtenagentur Xinhua wörtlich mit. Das ist eine Lüge. Lius Frau wurde zum Prozess nicht zugelassen. Erst zur Urteilsverkündung durfte sie den Gerichtssaal betreten. Der Prozess dauerte nur drei Stunden. Kein Wunder, das Urteil «schuldig» stand bereits fest. Die allmächtige Kommunistische Partei KP hat in allem das letzte Wort.

Warum dieses drakonische Urteil? Der 54 Jahre alte Professor und Schriftsteller Liu Xiaobo war bereits beim Studentenprotest 1989 vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen dabei. Er kassierte 20 Monate Gefängnis. In den 90er-Jahren kamen drei Jahre Arbeitslager dazu. Liu liess sich nicht unterkriegen und zählte zu den Verfassern der «Charta 08», eines Appells für demokratische Reformen.

Vor allem aber hat Liu die Alleinherrschaft der KP kritisiert: «Seit die KP die Macht übernommen hat, sorgen sich Generationen von KP-Diktatoren am meisten um ihre eigene Macht und am wenigsten um das menschliche Leben.» Mit diesem Frontalangriff hat Liu «den Kaiser beleidigt». Solche Kritik lässt sich bei aller Offenheit die Partei auch heute nicht bieten. Dass Staats- und Parteichef Hu Jintao daran glaubt, dass Liu Xiaobo die Staatsgewalt untergraben hat, ist unwahrscheinlich. Vielmehr geht es – chinesisch ausgedrückt – darum, «das Huhn zu töten, um den Affen zu erschrecken». Eine Warnung also.

Es ist ein ungerechtes Urteil und für China bedauerlich. In den letzten drei Reform-Jahrzehnten nämlich hat sich China nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen weit geöffnet. Das gilt für die Menschenrechte so gut wie für die Meinungsfreiheit. Der Diskurs in den Medien über Missstände ist erstaunlich lebendig. Der Unmut der Laobaixing – der Durchschnittsbürger – wird reflektiert und führt zu Veränderung. Nur eben, die Kluft zwischen Intellektuellen – etwa Liu Xiaobo – und den Laobaixing ist wie schon zu Kaisers Zeiten riesengross. «Liu Xiaobo?», sinnierte mein Zeitungsverkäufer am Kiosk. «Nie gehört.»