Weil die Schweiz Mitglied von Schengen ist, ist sie direkt vom Deal betroffen: Auch für sie gilt deshalb die Visa-Freiheit, nicht nur für die EU-Länder. Insofern hat Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel auch für die Schweiz gesprochen, als sie den Deal mit der Türkei aushandelte.

Der Makel, der diesem Deal anhaftet, ist nicht die Visa-Freiheit an sich. Sondern die Art und Weise, wie diese von Erdogan fast erpresserisch herausgeholt wurde. Hätte er sie nicht gekriegt, hätte er womöglich Hunderttausende von Flüchtlingen in die EU weitergeschickt. Das wollte Merkel nicht riskieren. Also gab sie der Türkei, was diese wollte.

Die Macht, die Erdogan damit in Europa ausübt, wird mit jedem Tag stossender. Der türkische Präsident gebärdet sich zunehmend wie ein Diktator. Am Donnerstag hat er seinen Regierungschef abgesetzt, weil dieser zu eigenständig handelte. Am Freitag wurde ein regierungskritischer Journalist zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Menschenrechte werden im Erdogan-Staat mit Füssen getreten. Sogar Kritiker im Ausland will der Präsident mundtot machen: So verlangte die Türkei, dass ein Erdogan-kritisches Bild aus einer Ausstellung in Genf zu entfernen sei. Wie uneinsichtig seine Adlaten sind, zeigen auch die bizarren Interview-Aussagen des türkischen Botschafters in Bern. Von einem solchen Regime abhängig zu sein, ist für jedes demokratische Land ein Problem.

Doch gibt es eine Alternative? Die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) plädiert für den Austritt aus dem Schengen-Raum. Tatsächlich könnte die Schweiz dann selber entscheiden, wer mit und wer ohne Visum einreisen darf. Und auch die von der EU beschlossenen Flüchtlingsquoten würden dann für sie nicht gelten. Doch ein Schengen-/Dublin-Austritt hätte mehr Nach- als Vorteile: So könnten beispielsweise Asylbewerber, die über Italien oder Österreich einreisen, nicht mehr dorthin zurückgeschickt werden. Die Alternative zu Schengen wäre eine Stacheldraht-Schweiz, wie sie SVP-Asylchef Andreas Glarner vorschwebt. Aber die will nicht einmal seine Partei.

Und so bleibt die unschöne Feststellung: Wie Merkel ist auch die Schweiz in der Flüchtlingsfrage den Launen des Schleusenwärters Erdogan ein Stück weit ausgeliefert. Anders als Deutschland im Fall Böhmermann hat die Schweiz bislang aber, wenns um Meinungsfreiheit geht, keinen Bückling vor ihm gemacht. Das muss so bleiben.

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