Der Kommentar:
Die ganze Welt schaute am Freitag, dem «Tag des Zorns», nach Kairo. Der Volksaufstand in Ägypten wird nach der Jasmin-Revolution in Tunesien als Epochenwende gedeutet, mit weitreichenden Folgen für weitere arabische Länder.

Von der dramatischen Zuspitzung in Ägypten bekamen die WEF-Teilnehmer im abgeriegelten Davoser Kongressgebäude bloss über Newsdienste auf ihren Smartphones und iPads etwas mit. An der Veranstaltung selber war sie kein Thema. Als in Kairo Hunderttausende auf den Strassen protestierten, trat in Davos gerade Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel vor 1000 Managern und Politikern auf und wurde anschliessend von WEF-Gründer Klaus Schwab interviewt – der aber keine einzige Frage zu Ägypten stellte. Dabei hätte Merkel einiges dazu zu sagen gehabt; sie tat es dann am Rand des Forums gegenüber TV-Sendern.

Dass das WEF dieses Thema verschlief, das spätestens seit der Jasmin-Revolution in Tunesien auf der Hand lag, ist mehr als ein Fauxpas. Das Forum hat den Anspruch, die wichtigsten Themen zu setzen und mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über Lösungen zu diskutieren. Warum sich das Volk in Tunesien, Ägypten und vielleicht bald anderswo in der arabischen Welt erhebt, was die Folgen für den Friedensprozess im Nahen Osten sind, wie die Umwälzungen durch das Internet beschleunigt werden – darüber hätte man von den Entscheidungsträgern und Top-Wissenschaftern gerne Einschätzungen gehört.

Vielleicht ist dieses Versäumnis eine Folge davon, dass das WEF insgesamt besser läuft denn je. Erfolg kann träge machen. Das Forum ist eine grossartige Veranstaltung, und die Schweiz kann stolz sein, ihr Gastgeberland zu sein. Es gelingt Klaus Schwab besser denn je, Top-Vertreter von Staaten (Medwedew, Merkel, Sarkozy, Cameron) und von Unternehmen (diesmal ganz besonders aus China und Indien) nach Davos zu holen. Und es fanden unzählige inspirierende Veranstaltungen statt. Doch das WEF muss aufpassen, die Welt nicht nur aus der Perspektive der Entscheidungsträger zu betrachten. Sondern auch aus der Perspektive von Menschen, die in Kairo und anderswo Weltpolitik machen.

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