Der Kommentar: Die Terrorbande Islamischer Staat (IS), Boko Haram, Ebola mit Pandemie-Potenzial, Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, umstrittene Position unseres Landes in Europa. Eine Liste aktueller Problemherde würde uferlos. Mir scheint, die Welt drohe aus den Fugen zu geraten. Menschen sind verunsichert und orientierungslos. Sie suchen Halt. Was tun? Wie mit dieser Ruhelosigkeit umgehen? Abtauchen, um in der eigenen Welt ein privates Süppchen zu kochen? Ohren und Augen zu? Junge Menschen ergreifen die Flucht nach vorn. Sie lassen sich von Islamisten begeistern und kämpfen im Dschihad.

Vielleicht feiert heutzutage ein Mechanismus Urstände, der schon oft Probleme bereitet hat: Statt mit dem Schmerz eines problembehafteten Lebens selber fertig zu werden, fügt der Mensch anderen genau diesen unbewältigten Schmerz zu. Geeignet für solche Übertragungen sind fremde Religionen, Schwarze, Juden oder der politische Gegner. Trotz hoch differenzierter Kommunikationstechnologie scheinen wir verlernt zu haben, Mitgefühl zu zeigen. Wie nur könnte sonst ein islamistischer Gotteskrieger Genugtuung empfinden, einen amerikanischen Journalisten zu köpfen? Aber nicht nur dieses extreme Beispiel belegt die globale Unfähigkeit, sich in die Lage des anderen Menschen einzufühlen. Auch in unserem Land wird der Umgangsstil ruppiger, zumal in der Politik. Sachbezogene Auseinandersetzung scheint unattraktiv. Man muss auf den Mann oder die Frau spielen – laut, undifferenziert und holzschnittartig. Zuhören, eine der Spielvarianten des Mitgefühls, zahlt sich offenbar nicht aus.

Die Aufklärungszeit war zweifellos segensreich. In einem Punkt hat sie allerdings die Büchse der Pandora geöffnet. Nichts ahnend von der problematischen Wirkung, hat sie die Kompetenz des einzelnen Menschen gegenüber Autoritäten gestärkt. Das Individuum war geboren. Der Mensch suhlte sich im Hochgefühl, Ich zu sagen. Das Wir, Ausdruck der Verbundenheit, begann zu verblassen. Heute zeigt sich die Schattenseite der einst freudig begrüssten Individualität. Hinter diesem Begriff steht das lateinische Wort «individuus». Seine Übersetzung – ungeteilt – bringt die Problematik auf den Punkt: Wir sind kaum mehr in der Lage, am Leben anderer Menschen teilzunehmen. Das gelingt höchstens unter Gleichgesinnten. Dahinter folgt die Mauer. Der Andersdenkende lässt mich kalt, ist mein Gegner oder gar mein Feind. Es existiert nur noch Schwarz und Weiss. Die nordamerikanischen Irokesen-Stämme lebten ein umfassendes Wir: «Zusammen mit unseren Brüdern und Schwestern wurden wir in diese Welt gesetzt. Mit denen, die vier Beine haben, mit denen, die fliegen, und mit denen, die schwimmen. All diese Lebewesen, auch die kleinsten Gräser und die grössten Bäume, bilden mit uns eine grosse Familie. Wir alle sind Geschwister und gleich an Wert auf dieser Erde.» Diese Kultur der weltweiten Verbundenheit muss unsere Zukunft werden, nicht eine neurotische Individualität.

Neben dem Mitfühlen könnte uns eine weitere Qualität aus der Gefahr der Egozentrik befreien: Demut. Mit dem biblischen Mythos vom Turmbau zu Babel kann selbst ein Atheist etwas anfangen, weil diese Erzählung ein grundlegendes Problem der Menschheit schildert, den Rahmen der Religion also übersteigt. Der Mensch überschätzt sich, anerkennt seine Grenzen nicht. Er spielt Gott. Und erhält prompt die Quittung dafür. Keiner versteht mehr den anderen. Die Kommunikation misslingt.
Die uralte Geschichte vom Turmbau ist hoch aktuell. Sie trifft den Zustand der heutigen Zeit. In verbissener Verehrung der Individualität glaubt jeder, seine Sicht der Dinge sei einzig richtig. Kein Wunder, haben Fundamentalismen jeglicher Schattierung Hochkonjunktur.

Zugegeben, Demut klingt altmodisch. Ihre Wirkung ist aber überaus nötig. Demut ist in keiner Weise den Kirchen und Religionen reserviert, sie gehört zu den Aushängeschildern des Humanismus. Wer demütig lebt, hat – erstens – ein gelassenes Ichbewusstsein und weiss – zweitens – sehr wohl um seine Endlichkeit.

Ich fürchte, die politischen Fronten werden sich im Vorfeld der Wahlen unseres Bundesparlaments im nächsten Jahr erneut verhärten. Mitfühlen? Demut? Zwei Fremdwörter. Man bekommt allerdings in diesen Tagen vor Augen geführt, wie eine Welt ohne sie aussieht. Unser Land braucht Oasen wie den Bettag. Ich kenne kein Auto, das läuft, ohne je eine Tankstelle aufzusuchen.

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