Auf der Linken gibt es Politiker, die den Volksentscheid über europäische Gerichte umstossen wollen. Oder aus Trotz
verlangen, nun müsse die Schweiz Guantánamo-Häftlinge aufnehmen.

In der Mitte verliert CVP-Präsident Christophe Darbellay den Kopf. Erst will er keine separaten Friedhöfe für Juden und Muslime mehr, als wäre dies für irgendjemanden ein Problem. Dann kriecht er zu Kreuze und entschuldigt sich.

Auf der Rechten wird man nach dem Triumph übermütig. Für SVP-Präsident Toni Brunner ist der Volksentscheid auch ein Nein zu Kopftüchern, und Ulrich Schlüer würde am liebsten die Europäische Menschenrechtskonvention kündigen.

Moment mal: Worüber haben wir schon wieder abgestimmt? Etwa über Guantánamo? Jüdische Friedhöfe? Ein Kopftuchverbot? Die Menschenrechtskonvention? Den Islam?

Mehr als 1,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer – so viele wie nie bei einer Initiative in den letzten 20 Jahren – haben Ja gesagt zu einer Bauvorschrift: Es sollen keine neuen Minarette bewilligt werden. Das ist die einzige gesicherte Aussage zum Abstimmungssonntag.

Dass die Stimmbürger auch ein Zeichen gesetzt haben, ist klar. Aber es ist unseriös, wenn Politiker das Volks-Ja nun nach Gutdünken interpretieren – und daraus gar neue Forderungen ableiten. Zumal das «Ja» einer Feministin, eines Gymnasiasten, eines Atheisten und eines SVP-Wählers wohl ganz unterschiedliche Gründe hat.

Man sollte jetzt vor allem eines: Den Volksentscheid ernst nehmen und umsetzen, nach seinen Ursachen forschen, unaufgeregt über das Verhältnis der Religionen in unserem Land reden. Gelassenheit war einmal eine schweizerische Tugend.