Die Umfragen sagen für die Ferien- Initiative, die sechs Wochen Urlaub für alle verlangt, in der Tat ein klares Nein voraus. Nicht einmal die Gewerkschaften erwarten einen Erfolg. Und das, obwohl eine Mehrheit der Beschäftigen profitieren würde. Die Schweizerinnen und Schweizer haben regelmässig auch Begehren für einen stärkeren Mieterschutz abgelehnt, obwohl zwei Drittel Mieter sind. Sie haben der Einführung neuer Steuern zugestimmt, die ihre Kaufkraft schmälern (etwa der Mehrwertsteuer). Oder, auf Gemeindeebene, der Kehrichtsackgebühr.

Am Freitag traf ich Hans-Olaf Henkel, den ehemaligen deutschen Industriellen-Chef und Verwaltungsrat grosser Unternehmen. «Ich bewundere die Schweizer für ihre Reife», sagte er. «In Deutschland würde eine solche Urlaubs-Initiative überdeutlich angenommen.» Die «Weisheit des Stimmvolks» sieht er als Grund für die wirtschaftliche Stärke unseres Standorts.

Wie differenziert die Bürger abzuwägen wissen, zeigte wiederholt das Thema Atomenergie. Der komplette Ausstieg wurde stets abgelehnt, selbst 1990, vier Jahre nach Tschernobyl. Hingegen stimmte eine Mehrheit damals einem Moratorium zu. Grundvernünftig.

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima, die sich heute jährt, haben Bundesrat und Parlament sehr schnell beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen. Das Volk konnte sich zu dieser Energiewende bislang nicht äussern. Könnte es dies tun, würde es den Ausstieg wohl klar bestätigen. Auch das zeigen Umfragen. Doch spricht man mit den Leuten, spürt man Unbehagen: Wie ersetzen wir den fehlenden Strom? Wie viel teurer wird die Energie? Was sind die Folgen für den Klimaschutz? Und für die Arbeitsplätze?

Die Bürger wollen, ganz unpopulistisch, differenzierte Antworten auf diese Fragen. Spätestens im Sommer, wenn der Bundesrat sein Ausstiegskonzept vorlegt.

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