Der Kommentar: Gerade hat Recep Tayyip Erdogan bei einer Nahost-Reise den Anspruch seines Landes auf eine Vorbild- und Führungsrolle in der Region unterstrichen, bei der UN-Vollversammlung in New York bekräftigte er seine harte Haltung gegenüber Israel. Erdogan personifiziert mit seinem energischen und manchmal herrischen Auftreten das neue Selbstbewusstsein der Türkei, die kanadische «Globe and Mail» nannte ihn den «neuen Imperator des Nahen Ostens». Doch auf Dauer ist die Konzentration der Macht auf eine Einzelperson für eine Demokratie ungesund. Und die falsche Botschaft an die Länder des arabischen Frühlings.

Erdogans Einfluss zeigt sich nicht nur bei politischen Weichenstellungen wie der neuen Nahost-Politik der Türkei oder der Unterordnung der Armee unter die politische Führung. Im Alltag des Landes spiegelt das System Erdogan die Schwäche türkischer Institutionen und das mangelnde Vertrauen der Bürger in die Behörden der Republik wider.

Kürzlich wurde der Premier bei einem Rundgang durch sein Istanbuler Heimatviertel Kasimpasa von einem Mann angesprochen, dessen Sohn den Wehrdienst beendet hatte, aber dennoch noch nicht entlassen worden war. Der Mann fragte Erdogan, ob er nicht etwas tun könne, um seinem Sohn die schnelle Heimkehr zu ermöglichen. Erdogan rief den zuständigen Gouverneur an und wies ihn an, dafür zu sorgen, dass der junge Soldat heimgeschickt werde.

Die Episode wirft ein Schlaglicht auf Erdogans Stärke und Erfolgsgeheimnis: seine Volksnähe. Auch nach mehr als acht Jahren als Ministerpräsident bemüht er sich um einen direkten Draht zur Bevölkerung. Die Begegnung in Kasimpasa zeigt aber auch, dass einfache Bürger wie der Vater des Soldaten keinen Sinn darin sehen, sich an die eigentlich zuständigen Stellen zu wenden. Sie gehen schnurstracks zum Oberhäuptling, wenn sie können. Das Ganze erinnert an die Klagen von Bürgern vor dem Sultan in osmanischer Zeit.

Erdogans Machtfülle hat zweifellos seine guten Seiten, nicht nur für ihn selbst. Die säkularistischen Militärs wissen inzwischen, dass sie einen Putsch gegen den fromm-muslimischen Premier schlicht vergessen können. Drei Wahlsiege der Erdogan-Partei AKP in Folge haben dem Land eine früher kaum denkbare innenpolitische Stabilität und einen unvergleichlichen Wirtschaftsboom beschert.

Doch Erdogans persönliche Stärke signalisiert eine Schwäche der Demokratie. Väter von Wehrpflichtigen sollten sich nicht zum Regierungschef durchboxen müssen, um sicherzustellen, dass ihre Söhne ordnungsgemäss aus dem Dienst entlassen werden. Sollte Erdogan wegen Krankheit oder aus anderen Gründen einmal nicht in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, würden in der Türkei viel mehr Räder stillstehen als bei vergleichbaren Situationen in anderen Demokratien.

Zum Teil liegen diese Mängel am türkischen Parteiengesetz, das die Einmann-Herrschaft begünstigt. Zum Teil liegen sie am zentralistischen Staatsaufbau der Türkei. Zum Teil liegen sie am schlechten Zustand der Oppositionsparteien. Ihr Versagen macht Erdogan noch stärker, als er ohnehin schon ist. Das sind Entwicklungen, die in Ägypten, Tunesien oder Libyen bei aller Bewunderung für das «Modell Türkei» aufmerksam studiert werden sollten.

Denn das System Erdogan hat seine schlechten Seiten. Auf Kritik reagiert der Ministerpräsident äusserst dünnhäutig. Er mischt sich in Dinge ein, die ihn nichts angehen – er lässt ein Denkmal abreissen, das ihm nicht gefällt, und fordert die Türken immer wieder auf, mindestens drei Kinder pro Familie in die Welt zu setzen. Die Kontrolle der Regierung durch Justiz und Parlament ist mangelhaft.

Eine Lösung liegt in strukturellen Veränderungen – und dazu bietet die jetzt anstehende Debatte über eine neue Verfassung eine gute Chance. Die zunehmende Zentralisierung von Befugnissen im Ministerpräsidentenamt sollte gestoppt, Machtbefugnisse des Parlaments und der Regionen sollten gestärkt werden. Erdogan kann mit dem Ruf eines demokratischen Reformers und eines wirklichen Vorbildes für junge Demokratien in der Region in die Geschichte eingehen, wenn er diese Veränderungen verankern lässt, obwohl sie seine persönliche Macht einschränken. Die Frage ist, ob der «Imperator» das auch will.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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