Der Kommentar: Diese Woche hat das Bundesamt für Statistik Zahlen veröffentlicht, die den Zusammenhang zwischen Waffen in unseren Estrichen und tödlichen Ereignissen klarer als bisher illustrieren. Wohl wusste man, dass in Ländern mit vielen Schusswaffen mehr Leute sich selber oder ihre Frau erschiessen. Waffen sind offensichtlich dort gefährlich, wo sie sich befinden – zu Hause, wo private Konflikte ausbrechen oder die finale Depression einsetzt. Die Schweiz hatte deswegen immer schon eine sehr hohe Rate an Suiziden und Familienmorden.

Weniger klar war bisher, was passieren wird, wenn weniger Leute zu Waffen Zugang haben. Greift man einfach zum Messer, wenn keine Schusswaffe griffbereit liegt? Plausibel war das nie, weil das Töten zumal mehrerer Menschen (mit anschliessendem Suizid des Täters) ohne Schusswaffe kaum gelingen dürfte. Auch wusste man aus der Suizidforschung, dass das Ausweichen auf «Ersatzlösungen» nicht die Regel ist. Dabei ist Suizid mehr als zehnmal häufiger als Mord und darum in statistischer Hinsicht aussagekräftiger.

Was nun zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik? Beim Suizid sticht ein relativ konstanter Rückgang der Erschiessungen ins Auge. Sind 1998 noch 413 Menschen auf diese Weise aus dem Leben geschieden, so waren es 2008 nur noch 239.

Nun haben zwar in der Schweiz und in vielen anderen westlichen Ländern die Suizide im gleichen Zeitraum abgenommen, dies auch als Folge der vermehrt medikamentösen und damit wirksameren Bekämpfung depressiver Verstimmungen. In der Schweiz gingen die Suizide im fraglichen Zeitraum um 4 Prozent zurück, also weit weniger stark als die Suizide mit Schusswaffen, bei denen der Rückgang 42 Prozent betrug.

Dieser Rückgang der Suizide mit Schusswaffen war eindeutig die Folge der Verkleinerung der Armee. In der Altersgruppe der 20- bis 49-Jährigen, die bis 1995 noch dienstpflichtig waren, betrug der Rückgang gar 61 Prozent, also wesentlich mehr als in der Altersgruppe der über 50-Jährigen mit 17 Prozent – hier dürfte vor allem der private Waffenbesitz eine fatale Rolle gespielt haben.

Der massive Rückgang der Erschiessungen im Alter von 20 bis 49 war nun jedoch keineswegs mit einem Anstieg der anderen Suizidmethoden verbunden. Vor allem die «übrigen» Methoden, worunter unter anderen das Springen in die Tiefe oder vor Züge fällt sowie das Erhängen – also Methoden, die in erster Linie als «Ersatz» für fehlende Schusswaffen infrage kämen –, haben nicht zu-, sondern abgenommen, und zwar auch in den Jahrgängen, die früher militärdienstpflichtig waren (minus 4 bzw. minus 27 Prozent). Die einzige Suizidmethode, die deutlich – um 41 Prozent – zugenommen hat, waren die Vergiftungen. Darunter fallen die begleiteten Suizide, die aber nur schwer kranken Menschen offenstehen. Tatsächlich haben Vergiftungen nur in der Kategorie der über 60-Jährigen zugenommen, hier allerdings um 174 (!) Prozent. In der Alterskategorie unter 50 sind Vergiftungen demgegenüber um 24 Prozent zurückgegangen.

Es stimmt also nicht, dass Menschen sich heute eher vergiften als erschiessen. Richtig ist vielmehr, dass die Verkleinerung der Armee und der verringerte Zugang zu Schusswaffen unter Männern zwischen 20 und 50 einen drastischen Rückgang der Suizide nicht nur mit Schusswaffen, sondern insgesamt bewirkt haben. Desgleichen sind die Morde mit Schusswaffen gesunken, ohne dass andere Tötungsmethoden zugenommen hätten.

Die im Laufe der letzten Jahre ergriffenen, von der Waffenlobby stets bekämpften Massnahmen waren daher erfolgreich. Soll man jetzt auf halbem Weg aufhören und mit den verbleibenden gegen 300 Schusswaffen-Toten «leben»? Oder soll man der Waffeninitiative zustimmen? Es wäre viel gewonnen, wenn Waffenliebhaber zugeben würden, dass ihr «Sportgerät» gefährlich sein kann. So wie Raucher, die nicht aufhören können, auch nicht (mehr) behaupten, ihre Gewohnheit sei «gesund».

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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