Der Kommentar: Die Bilder aus Ägypten gehen um die Welt wie bei der Revolution vor zwei Jahren. Bilder mit Tränengas und Schlägereien; Bilder von Massendemonstrationen. Nur eines hat sich verändert. Jetzt protestieren abwechselnd einmal die Islamisten und dann die liberalen und linken Kräfte. Die einen drücken ihre Unterstützung für Präsident Mursi aus, der sich in einem Handstreich fast unbeschränkte Macht eingeräumt hat. Die andern kämpfen gegen den neuen Pharao. Beide Seiten schaukeln sich gegenseitig hoch.

Tatsächlich waren die Dekrete des Präsidenten nur so etwas wie ein Zündfunke. Seit dem Sturz Mubaraks ist Ägypten in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite stehen die Islamisten aller Schattierungen. Auf der andern Seite der ganze Rest. Sie sind eine unheilige Allianz aus linken und liberalen Kräften, aber auch aus den alten Mubarak-Eliten. Sie haben nicht überwunden, dass sie sowohl die Parlaments- als auch die Präsidentschaftswahlen verloren haben und jetzt eine Verfassung geschrieben wurde, die nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Beide Lager kämpfen unerbittlich dafür, das neue Ägypten nach ihrer Weltanschauung zu formen. Dabei setzen sich beide Seiten für revolutionäre und autokratische Konzepte ein, denn gemeinsam ist ihnen, dass sie alle nach Macht streben. Das Ergebnis ist eine brandgefährliche politische Konfrontation, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann.

Nur wenn sich beide Seiten auf die Werte der Revolution besinnen und in einem Dialog versuchen, die politische Transformation vorwärtszubringen, können alle Ägypter und Ägypterinnen gewinnen. Das verantwortungslose Spiel mit dem Feuer muss schnellstens ein Ende haben.

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