Der Kommentar: Während im noch jungen Jahr 2016 eine nicht abbrechende Kommentarwelle über ein Ereignis namens «Köln» durch die Medien schwappt, gehen meine Erinnerungen zurück ins Jahr 1991, nach Kalifornien. Ich hatte damals das Glück, ein Forschungsjahr am Getty Center in Santa Monica verbringen zu dürfen. Es war für mich der erste Aufenthalt in den USA, und, zugegeben, ich war überwältigt bis verwirrt über so vieles im Land der unbeschränkten Möglichkeiten. In Zürich hatte ich an unserem Institut auch nach meiner Promotion Bibliotheks-Hilfsarbeiten abzuleisten (wozu das stumpfsinnige Ausfüllen von 6-fachen Durchschreibezetteln gehörte), ans Getty aber war ich eingeladen worden wegen meiner eigenen Bücher. Kurz: Statt meinem Professor zuzudienen, konnte ich in meinem kalifornischen Büro mit traumhaftem Blick auf die Santa Monica Beach online (1991!) die sagenhaften Forschungsbibliotheken der USA durchstöbern. Und ich hatte sogar eine Assistentin, Lori W., eine smarte UCLA-Studentin, die grosszügig über mein holpriges Englisch hinwegsah. Auch im kleinen Kreis unseres Forscher-Trüppchens, darunter ein spanischer und ein italienischer Kunsthistoriker, verstanden wir uns glänzend; der Spanier war privat ein fantastischer Tänzer, der Italiener ein hervorragender Koch. Wir liessen nichts anbrennen.

Weshalb schildere ich diese Szene so ausführlich? Weil plötzlich, im Oktober 1991, der leichte und lebensfrohe Ton zwischen uns, den Frauen und den Männern, den Europäern und den Amerikanern, den Weissen und den Schwarzen (die damals noch nicht Afroamerikaner genannt wurden), zu bröckeln begann. Weshalb? Im Herbst 1991 stand in den USA eine Ersatzwahl in den Supreme Court, den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, an. Der damalige amerikanische Präsident George H.W. Bush hatte den konservativen Amtsrichter Clarence Thomas nominiert. Es gab gegen diese Kandidatur keine Opposition, obwohl Clarence Thomas der erste Afroamerikaner war, der für dieses hohe Amt vorgeschlagen war. Doch im Oktober 1991 sagte Anita Hill, eine ebenfalls afroamerikanische Juristin, öffentlich aus, sie sei in den frühen 1980er Jahren als Assistentin der Equal Employment Opportunity Commission von deren damaligem Direktor Clarence Thomas sexuell belästigt worden.

Anita Hill vs. Clarence Thomas: Das ist durchaus nicht Geschichte, sondern hat – im Gegenteil – in der Mentalitätsgeschichte des spätmodernen Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Anita Hill hatte den Mut, das Schweigekartell zu durchbrechen und etwas zu thematisieren, was für die meisten Frauen im Berufsleben ganz alltäglich war und was man einfach wegsteckte, weil es eh nur Ärger gab, wenn man es thematisierte, nämlich die ewigen Übergriffe, das «sexual harassment». Ich hatte selbst in meiner Zeit als Doktorandin und Assistentin hautnah erlebt, wie das geht, wusste aber zugleich, dass ich, falls ich mich zu fest wehrte oder die Übergriffe meines Vorgesetzten öffentlich gemacht hätte, meine Promotion und meine wissenschaftliche Karriere gefährdet hätte. Nun also holte mich ein Teil meiner eigenen Geschichte im vermeintlichen Traumland Kalifornien wieder ein. Der Fall Anita Hill vs. Clarence Thomas hielt wochenlang die Medien in Atem und drang bis in die hintersten Winkel des Privaten und Persönlichen. Und obwohl ich Anita Hill für ihren Mut und ihre Klarheit überaus bewunderte, so entstand um uns alle herum doch eine irritierend aufgeladene Atmosphäre, in der sich kein sensitiver Mensch – und schon gar kein Mann – mehr traute, unbeschwert eine Frau oder einen Mann anzulächeln. Der lebensfrohe Ton in unserem Forschertrüppchen war um etliche Grade gefallen, Unsicherheit und Vorsicht begannen sich zu installieren. Ende Oktober, nach kontroversen Debatten, wurde Clarence Thomas überaus knapp – 52 gegen 48 Stimmen – zum Bundesrichter gewählt.

Und heute? Die Irritation von 1991 ist geblieben, in den USA, in der Schweiz, in jedem Büro, auf jedem Bahnhofplatz. Bis wohin ist ein Verhalten ein Verhalten, ab wo wird es eine Belästigung, wann ist es kriminell? Es gibt dafür keine zertifizierten Skalen, sondern nur Urteilskraft, Erziehung, Anstand, Empfindsamkeit.

Man liest, dass nach «Köln» auch in der Schweiz nun Flyer mit Benimmregeln für Asylanten verteilt werden. Gewiss, das mag hilfreich sein. Aber wo sind die Flyer und die klaren Worte für jene vermeint «etablierten» Bereiche der Gesellschaft, in denen noch immer die Schweigekartelle funktionieren? Ab einer gewissen sozialen Flughöhe ist das Wegschauen, auch im 21. Jahrhundert, an der Tagesordnung, denn wir sind nur in der Theorie freie Individuen, in der Praxis aber herrscht weiterhin ein System von quasifeudalen Abhängigkeiten. An der Universität und anderswo. Karriere machen heisst mitmachen. Oder soll ich es mit Aristoteles sagen? Der Mensch ist ein animal rationale, ein in den wesentlichen Bereichen kaum vernünftiges Tier.

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