Jetzt, da die zweifelsohne meistgehasste Partei der Schweiz verliert, folgt auf allen Kanälen die Häme der Kritiker: Zuerst war es die übertrieben teure Wahlkampagne, die mehr geschadet als genützt haben soll. Jetzt ist es die Diskussion um die Verletzung des Bankgeheimnisses durch SVP-Exponenten. In der Hitliste der Erklärungen wird sie dicht gefolgt von den namenlosen Kofferträgern, die die SVP-Kampagne finanzierten, und zuletzt von der Wirtschaftskrise, die angeblich an den Fundamenten der SVP-Wirtschaftspolitik nagen soll. Wenn viele Stimmen genau die gleiche Entwicklung erklären, kann nicht einmal die Wissenschaft eruieren, wer Recht hat und wer nicht.

Die SVP selbst versucht, die Verluste mit einer Thurgauer Wahlrechtsreform wegzureden. Doch sie übersieht, dass die Partei nicht nur massiv an Sitzen verlor, sondern dass ihr auch die Wähler davonliefen. 6 Prozentpunkte betragen die Verluste allein im Thurgau. In den fünf kantonalen Wahlen seit dem 11. März verlor die SVP beinahe 8000 Wählerinnen und Wähler (bei insgesamt 365 000 abgegebenen Stimmen), so unsere Schätzung.

Aber drehen wir die Uhr zurück auf Herbst 2007. Diplomierte wie selbst ernannte Politexperten und Medien sagten der SVP damals eine Stagnation in den Nationalratswahlen voraus. Alle Indizien – Meinungsumfragen, kantonale Wahlen und Wahlbörsen – deuteten auf stabile Wählerzahlen hin. Die SVP führte aber den wohl aufwendigsten Wahlkampf aller Zeiten, und der Berner Parteiumzug wurde von Randalen gestört. Unerwartet gewann die SVP die Wahl, und kurz darauf schwor die Partei Rache für Blochers Abwahl aus dem Bundesrat. Dies gipfelte im SVP-Coup in den kantonalen Wahlen im Frühjahr 2008. In Uri verdoppelte die SVP ihre Fraktion, und auch in Schwyz, St. Gallen und Thurgau gewann sie deutlich. Über die Erklärungen für diese Gewinne können wir nur spekulieren. Sicher ist aber, dass der SVP-Frühling 2008 von kurzer Dauer blieb und die Erfolgsserie ab Herbst 2008 verebbte.

Ausserordentliche, nicht saisongerechte Schönwetterperioden wecken falsche Erwartungen. So verschob sich auch bei der SVP die Messlatte für Wahlerfolge weit nach oben. National kratzte die SVP an der 30%-Marke, in Schwyz hielt sie 41% der Sitze, und Parteiexponenten feuerten kräftig nach: Christoph Mörgeli deklarierte im «Sonntag» 40 Prozent zum Ziel, Ulrich Schlüer übertrumpfte ihn noch mit 51 Prozent. Doch der Temperatursturz erfolgt unweigerlich. Heute macht die SVP gerade noch die Hälfte von 51%. Sie hat genau dort an Stimmen verloren, wo sie 2008 massiv gewann.

Nüchtern betrachtet kann daher von einem wirklichen Abwärtstrend bei der SVP kaum die Rede sein. Aus dem SVP-Frühling 2008 resultierte der Blocher-Effekt rückwärts: Die Blocher-Abwahl, die es vor vier Jahren zu rächen galt, blieb eine Eintagsfliege, die der SVP zu einem Zwischenhoch verhalf, das jetzt weg ist. Die Partei stagniert also auf hohem Niveau, und zwar nunmehr seit etwa 2005. Ein besonderes Indiz für diese Hypothese liefert der Kanton Waadt, der nur alle 5 Jahre wählt, im März 2007 und jetzt im März 2012 wieder. Dort blieb die SVP stabil – gleich übrigens wie zuvor im Westschweizer Durchschnitt.

Trotzdem können sich SVP-Kritiker freuen. Im «Sonntag» vor einer Woche versuchte Christoph Blocher, die Bedeutung der Verluste wegzureden. Doch parteiintern treffen diese die SVP sehr wohl, wie sie auch jede andere Partei treffen würden: Parteiführungen können noch so viele Fehler machen und gegen innen anstossen, Wahlerfolge sichern sie ab. Was zählt denn in einer Demokratie mehr als das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler? Doch sobald die Gewinne ausbleiben, werden oppositionelle Stimmen laut. Auf den SVP-Frühling 2008 folgt jetzt auch parteiintern das Sturmtief 2012.

Die Nachricht: Die SVP hat seit den eidgenössischen Wahlen im Herbst 2011 fast nur noch verloren, zuletzt am vergangenen Wochenende im Kanton Thurgau. Dennoch bleibt sie wählerstärkste Partei.

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