DAS MÄRCHEN DES PROFESSORS

Die Nachricht: Nirgendwo sei das Geld so ungleich verteilt wie in der Schweiz, behauptet der Basler Professor Ueli Mäder. Seine Studie «Wie Reiche denken und lenken» wurde zum Bestseller und löste unzählige Zeitungsartikel aus.

Der Kommentar: Um den Wahrheitsgehalt einer Statistik zu überprüfen, gibt es kein besseres Mittel als den gesunden Menschenverstand. Würden wir lesen, dass die Lebenserwartung in der Schweiz 140 Jahre beträgt, wäre jedem klar: Da stimmt was nicht. Bei der viel beachteten Reichtumsstudie hat bislang keiner den Menschenverstands-Check gemacht. «Nur gerade in Simbabwe und Namibia waren die Vermögen noch ungleicher verteilt» (als in der Schweiz), schreibt Ueli Mäder in seinem – ansonsten lesenswerten und ergiebigen – Buch «Wie Reiche denken und lenken». In einem Beitrag für «Die Zeit» hat Mäder seine Aussage noch zugespitzt: «Nirgendwo ist das Geld so ungleich verteilt wie in der Schweiz.»

Das ist Unsinn. Wer schon einmal in Mittel- oder Lateinamerika war, merkt schnell, dass der angebliche Schweizer Weltrekord nicht stimmen kann. In Ländern wie Nicaragua und Guatemala ist das Vermögen geradezu brutal ungleich verteilt. Daneben wirkt die Schweiz mit ihrem breiten Mittelstand wie ein sozialistisches Schlaraffenland.

Mäder stützt sich auf Zahlen der UNO-Universität UNU von 1997. Diese sind aber umstritten. Verzerrt werden sie etwa dadurch, dass die Wohlhabenden in den Schweizer Steuerstatistiken übervertreten sind, da man in vielen Kantonen erst ab 50 000 oder 100000 Franken Vermögen überhaupt Steuern zahlen muss (diese Leute – in gewissen Kantonen mehr als die Hälfte – fehlen in der Statistik, obwohl sie durchaus Vermögen haben). Zudem ist die «Datenbasis für viele Länder der so genannten Dritten Welt schlecht», wie Mäder einräumt. In seiner Zuspitzung ignoriert er aber diese Mängel. Vergessen geht dann schnell auch, dass bei der Verteilung der Einkommen die Schweiz zu den «gleichsten» Ländern der Welt gehört: Die Schere ist weniger weit offen als in Italien, England, Griechenland und erst recht als in Russland oder im (kommunistischen) China.

Das heisst nicht, dass die Ungleichheit in der Schweiz kein Problem ist. Sie ist eins. Aber es ist stossend, wenn Wissenschafter mit Überzeichnungen politische Stimmung machen – in diesem Fall für die SP-Steuerinitiative, über die wir am 28. November abstimmen.

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