Hätte mich vor einem Jahr jemand überzeugen wollen, dass das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) eine gute Sache sei, hätte ich als Ökonom ihn mit einem müden Lächeln bedacht. Doch dann habe ich versucht, Moore’s Law – die Rechenleistung von Computern verdoppelt sich alle zwei Jahre – auf einem Blatt Papier aufzuzeichnen. Tragen Sie auf einem A4-Blatt unten in Zweijahresschritten einen Zeitstrahl von 1950 bis 2010 ab. Ab 1950 zeichnen Sie eine Kurve, die bei 1952 auf einen Millimeter Höhe, bei 1954 2, dann 4, 8 usw. ansteigt. Spätestens 1966, wenn Ihre Linie auf 128 Millimeter ansteigt, werden Sie sich fragen, wie viele Blätter Sie anfügen müssen, um Ihre Kurve bis zum Jahre 2010 fortführen zu können. Das Blatt müsste eine Länge von 1073 Kilometern haben, damit Sie Moore’s Law von 1950 bis 2010 aufzeichnen können. Mir half dieses Experiment, um erstmals mit dem Bauch statt nur mit dem Kopf zu verstehen, was es bedeutet, wenn eine Entwicklung exponentiell verläuft.

Es ist die exponentielle Entwicklung der Rechenleistung, die dazu führt, dass unser Smartphone in der Hosentasche leistungsfähiger ist als manche Supercomputer zur Jahrtausendwende. Sie verursacht bei vielen Menschen das unbehagliche Gefühl, mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt halten zu können. Es beschleicht sie eine latente Angst vor der Zukunft. Zu Recht. Wer mit Skype telefoniert, dem steht seit Mitte Januar eine kostenlose Simultanübersetzung für aktuell acht Sprachen zur Verfügung. Lernende Algorithmen analysieren Daten von Mammografie-Screenings besser als Radiologen. Autos und Lastwagen werden dank Computern bald sicherer fahren als Menschen. Uber wird keine Fahrer mehr brauchen. Man kann einwenden, dass es eine solche Vernichtung von Arbeitsplätzen früher schon gegeben hat. Dies gehöre zum Strukturwandel, und die meisten Menschen, deren Berufe verschwinden, finden früher oder später einen neuen Beruf. Doch welchen? Wir werden mehr Ingenieure, Physiker und Mathematiker brauchen. Nicht jeden Übersetzer, Radiologen, Lastwagen- oder Taxifahrer werden wir aber zum Mathematiker umschulen können.

Immer mehr Menschen spüren diesen Wandel, und er macht ihnen Angst. Sie spüren, dass ihre Arbeit eines Tages nichts mehr wert sein könnte. Sie fürchten um ihre Existenz. Die BGE-Initiative kommt gerade richtig. Der Bund sorgt für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen. Das Gesetz regelt die Finanzierung und die Höhe des Grundeinkommens. Die Initiative ist offen gehalten. Es sind keine Beträge für die Höhe des Grundeinkommens festgelegt. Dem Parlament wird weitestgehende Freiheit bei der Umsetzung zugestanden.

Wir brauchen das BGE, weil sonst die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen zu einer Flut von Gesetzen führen wird, die den Mehrwert des technologischen Fortschritts vernichten: Autonom fahrende Lastwagen und Taxis werden nur mit einem Chauffeur unterwegs sein dürfen. Radiologen werden jede Mammografie anschauen müssen, auch nachdem die Algorithmen ihre Überlegenheit millionenfach unter Beweis gestellt haben. Nur wenn die Bürger nicht um ihre Existenz fürchten müssen, wird die Schweiz ein weltoffenes, liberales und wohlhabendes Land bleiben können. De facto haben wir mit unseren Sozialversicherungen und mit der Sozialhilfe schon ein GE (Grundeinkommen). Da in Zukunft das Bemühen um Arbeit für viele Bürger noch aussichtsloser wird, müssen wir das Konzept der Fürsorge durch das BGE ersetzen. Denn ein Leben lang von der Fürsorge abhängig zu sein, ist menschenunwürdig.

Einige Menschen werden sich mit ihrem Grundeinkommen zufrieden geben. Doch Menschen wollen sich als handelnde Wesen erleben, durch Taten stolz auf sich sein. Deshalb werden viele trotz BGE nach Möglichkeiten suchen, ihre individuellen Fähigkeiten einzusetzen. Sie werden für sich Aufgaben finden, die für andere einen nicht bloss materiellen Mehrwert darstellen, der von Maschinen nicht erbracht werden kann. Neben der hoch effizienten, voll automatisierten, sich im globalen Wettbewerb behauptenden Ökonomie, die für den materiellen Wohlstand sorgt, wird sich so eine Parallel-Ökonomie herausbilden, in der die Mehrheit der Bürger eine sinnstiftende Tätigkeit und einen Zusatzverdienst zum Grundeinkommen findet. Bundesrat und Parlament haben es leider verpasst, mit der Volksinitiative über das bedingungslose Grundeinkommen für die Schweiz eine Vision zu formulieren, die über die nächsten Abstimmungen und Wahlen hinausgeht. Gouverner c’est prévoir.

* Richard Eisler ist Mitbegründer und Präsident des Vergleichsdienstes Comparis.

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